Früher ging es um Fußball, heute um „One Love“ (Foto:Imago)

Die am 20. November beginnende Fußball-Weltmeisterschaft in Katar verspricht ein Fest der abstoßendsten moralischen Heuchelei zu werden, weltanschauliche Selbstbeweihräucherung und zugleich Inkonsequenz des „Wertewestens“ ebenso wie schnöde Kommerzialisierung all das, was den Reiz dieses Wettbewerbs einmal ausmachten und wofür Fussball einst stand, endgültig ins Abseits drängen. Vor allem Deutschland, wo die „National”-Auslese der Mann- bzw. Frauschaft inzwischen eine weitgehend seelen- und gemeinschaftslose Multikultitruppe eierloser stylisch-tätowierter Waschlappen ohne Herzblut und Identifikation darstellt (was sich bei der vorgestrigen Heimniederlage gegen Ungarn in der Nation’s League auch sportlich manifestierte), richtet man das Hauptaugenmerk darauf, die richtigen Zeichen zu setzen und penetrant die eigene woke Gesinnung passend zu inszenieren – obwohl das einzige respektable und richtige Zeichen gewesen wäre, bei dieser Skandal-WM in einem islamischen Land, dessen Führung Blut an den Händen hat, gar nicht erst anzutreten.

Stattdessen präsentierte der Deutsche Fußball Bund (DFB) am Mittwoch eine ebenso kindische wie peinliche Variante des queerpolitisch korrekten Regenbogenbogenbekennnisses, die Manuel Neuer als Nationalmannschaftskapitän am Oberarm tragen soll: Die sogenannte „One-Love“-Binde. Darauf wird ein Herz in bunten Farben zu bewundern sein, das für „Vielfalt” stehen soll. Vor Stolz schier berstend schwadronierte Neuer aus Anlass der Vorstellung: „Die Liebe zum Fußball verbindet uns alle. Egal, wo wir herkommen, wie wir aussehen und wen wir lieben. Fußball ist für alle da. Und der Fußball muss für alle da sein, die sich diskriminiert und ausgeschlossen fühlen, überall auf der Welt.” Brav auswendig gelernt und fehlerfrei aufgesagt! Neuer ergänzte noch, er sei „stolz” darauf, „diese Botschaft gemeinsam mit meinen Kapitänskollegen aus anderen Nationen zu senden. Denn jede Stimme zählt”. Denn, das ist kein Witz, auch die Kapitäne von England, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Wales, Frankreich, Dänemark, Norwegen und Schweden werden sich an der Aktion beteiligen – obwohl nicht einmal all diese Nationen überhaupt für die WM qualifiziert sind. Übrigens wollte Neuer die Binde am liebsten schon bei dem kläglichen Debakel von Leipzig gegen Ungarn tragen, musste aber wegen einer Corona-Erkrankung auf die Teilnahme verzichten.

Kröten schlucken im Volkssport „Haltung zeigen“

Mit dieser erbrechenswert verlogenen Aktion geht der Überbietungswettbewerb im neuen Volkssport „Haltung zeigen“ also in die nächste Runde – ausgerechnet in Katar, wo die Verantwortlichen mehr Leichen im Keller liegen haben, als die ab 20. November erwarteten westlichen „One-Love”-WM-Teilnehmerstaaten des Westens Kröten schlucken müssen, um sich mit institutioneller Schwulen- und Frauenfeindlichkeit, Islamismusfinanzierung, Co-Finanzierung des Kriegs im Jemen und Sklavenarbeit im Emirat zu arrangieren. Dabei ist es nicht so, dass der DFB das Problem ignorierte; im Gegenteil: Spieler, Trainer und Vereinsfunktionäre überschlagen sich in den letzten Wochen mit ihren Takelungen und Verurteilungen der Missstände im Wüstenstaat, der erstmals eine Fußball-WM und noch dazu im Winter ausrichtet. Es handelt sich jedoch um eine Art Ablassritual ohne jede Relevanz – denn Worten folgen auch hier keine Taten. Im Gegenteil: Vor allem die Spieler reißen sich darum, für die Teilnahme an dem Ereignis nominiert zu werden – nicht zuletzt, um ihren Marktwert zu steigern; dass er die WM wegen der dortigen Zustände aus Gewissensgründen boykottieren würde, hat man bislang noch von keinem der Dauerempörten vernommen.

Man traut sich ja nicht einmal, die inzwischen schon abgenutzte obligatorische Regenbogenfahne, als woke-linksradikales Standardbekenntnis, als Kapitänsbinde zu verwenden, wie Neuer es noch bei der Europameisterschaft im vergangenen Jahr tat, um gegen die angebliche „Homophobie” in Ungarn zu protestieren. Stattdessen einigte man sich nun auf ein eigenes Symbol, mit dem man die gute Gesinnung gratismutig demonstrieren will, ohne sich allzu viel Ärger mit dem Gastgeber oder dem eigenen, angeblich so gepeinigten Gewissen einzuhandeln. Laut UEFA ging die Initiative zu der neuen Toleranzbinde vom niederländischen Fußballverband aus, der erläuterte: „OneLove betont, dass alle im Fußball mindestens eines gemeinsam haben: ihre Liebe zu diesem Spiel. Wir wollen alle Menschen vereinen und verbinden und sind daher gegen jede Form von Ausgrenzung und Diskriminierung. Nicht nur Diskriminierung von LGBTQ+, sondern auch gegen Rassismus, Antisemitismus etc.“ Auch die Bedeutung der Farben wurde mitgeteilt: „Rot/Schwarz/Grün symbolisiert, dass jeder stolz auf seine Farbe oder Herkunft sein sollte und Pink/Gelb/Blau stehen für alle Geschlechtsidentitäten und sexuelle Vorlieben. Es geht nicht nur um LGBTQ+-Diskriminierung, sondern um alle Arten von Diskriminierung. Fußball kann Millionen von Menschen vereinen.“ Gähn und kotz! Man kann es nicht mehr hören und man will es nicht mehr hören. Wem gegenüber soll hier eigentlich noch irgendetwas „symbolisiert“ und „demonstriert“ werden, wo ausnahmslos alle im Gleichschritt unter demselben Banner der Buntheit marschieren?

Lasst die Politik draußen

Ob die Binde an Ende übrigens tatsächlich bei der WM getragen werden darf, steht noch nicht fest. Laut FIFA-Statuten ist nämlich die Verbreitung von politischen Botschaften jeglicher Art durch Spieler und Funktionäre verboten. Nochmals: Es wäre allemal besser, wenn die Spieler entweder die Konsequenzen aus ihrer angeblichen Missbilligung der Verhältnisse in Katar ziehen und der WM fernblieben – oder sich, wenn sie schon hinreisen, wenigstens auf ihren Beruf konzentrieren und das Publikum mit billiger Symbolik verschonen würden. „Leave the politics out“ war einmal die Devise bei sportlichen Wettbewerben, einst gefordert zu Zeiten des Kalten Kriegs und der großen wechselseitigen Olympiablockaden; davon ist heute nichts mehr übrig geblieben. Aber wenn schon die politische – heute eher: ideologische – Vereinnahmung von einst fröhlichen, auf sportlichen Leistungswettbewerb fokussierten Turnieren sein muss, dann sollte man eben auch Wort halten und die Stamina aufbieten, einen Boykott durchzuziehen.

Stattdessen reiht sich das ganze Katar-Theater nahtlos in die Verlogenheit ein, die das westliche Handeln etwa auch beim Ukraine-Krieg kennzeichnet: Während man zu den zahllosen anderen Kriegen und Konflikten auf dem Planeten wenig bis nichts von USA und EU hört und schon gar keine Sanktionskataloge verabschiedet, wird ausgerechnet in diesem einen Fall die Solidarität mit der Ukraine exerziert bis zur ökonomischen Selbstzerstörung, indem man Russland mit Sanktionen überschüttet, die ihren Urhebern am meisten schaden. Zugleich trifft sich der deutsche Kanzler mit dem saudischen Kronprinzen, der missliebige Journalisten zerstückeln und Opposition grausam unterdrücken lässt, um neue Handelsbeziehungen zu vertiefen. Und die EU verdammt fanatisch Putins Angriffskrieg und das autoritäre Regime in Russland an, bindet sich aber gleichzeitig an den noch undemokratischeren und autokratischeren Machthaber von Aserbaidschan, Ilham Alijew,
um sich dessen Gas zu sichern – und ignoriert seinen nicht weniger verbrecherischen Angriff auf Armenien großzügig. Angesichts dieser Doppeöstandards kann man auch die neue Fußballaktion „One Love“ unter dem Kapitel „Im Westen nichts Neues“ abheften.



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