Ein Nachruf von Anton Gentzen

Der ukrainische HIMARS-Raketenbeschuss eines Hotels im Zentrum von Cherson am Sonntagmorgen galt Journalisten, die in der Stadt waren, um über das laufende Referendum zu berichten. Das ist ein Skandal, den in Europa sicherlich wieder niemand zur Kenntnis nehmen wird. Die Journalisten und Mitglieder mehrerer Kamerateams überlebten zum Glück. Die Freude darüber ist jedoch getrübt, da der wohl beeindruckendste Mensch, den ich je in meinem Leben kennengelernt habe, dabei ums Leben gekommen ist: Es ist der Politiker Alexei Schurawko.

Ein leichtes Leben hatte Schurawko nie. Er kam 1974 mit einer Behinderung zur Welt. Von Geburt an fehlten ihm die linke Hand (der linke Arm endete kurz unterhalb des Ellenbogens) und das rechte Bein; das linke Bein war stark verkürzt, so dass er zeitlebens an Krücken und Rollstuhl gebunden war. Die Sowjetunion der 1970er Jahre hielt kaum Infrastruktur für Menschen mit einem Handicap bereit. Um aber ein aktives Leben jenseits des bloßen Daseins in spezialisierten Wohnheimen zu führen, hieß es noch mehr als heute: kämpfen.

Alexei wuchs in spezialisierten Kinderheimen in der Südukraine auf, erst in Scholtyje Wody, später in Zjurupinsk. Die letztere Stadt heißt heute Aljoschki, zufällig eine Abkürzung seines Vornamens. Sie liegt im Gebiet Cherson, Scholtyje Wody – in der Nachbarregion Saporoschje. 

Schurawko erinnerte sich später liebevoll an die Erzieher in jenem Kinder- und Jugendheim in Zjurupinsk. Sie ermutigten den Jungen, den sie als Vierjährigen aufnahmen und als Sechzehnjährigen ins Leben entließen, alle Hürden zu überwinden, die ihm das Schicksal gesetzt hatte. Man kann sich auch mit einem Bein und zwei Krücken schnell bewegen. Man kann auch mit einem funktionierenden Arm schreiben, kochen, schnitzen, Sachen tragen, Ball spielen. Auch der linke Stummelarm ist nicht unnütz: Er kann beim Fangen und Halten helfen. „Das Wichtigste, Alexei,“ sagten sie ihm, „ist dein Kopf. Dort lebt dein Wille. Und wenn dein Wille lebt, dann gehört diese Welt dir, so wie sie jedem anderen gehört“. 

Alexei wollte aktiv leben, und er lernte, wie man es macht. Aber er wollte mehr. Das, was er sich angeeignet hatte, sollten auch andere lernen. Deshalb gründete er 1993, im Alter von 18 Jahren, in Zjurupinsk ein privatwirtschaftliches Unternehmen, das Menschen mit Behinderung Arbeit und Lebenssinn gab. Als Anerkennung dafür wurde er 2004 zum Vorsitzenden des Allukrainischen Behindertenverbandes gewählt, den er 1997 mitbegründet hatte. 2018 wählte der Verband Schurawko, obwohl er schon seit vier Jahren im Exil lebte, zu seinem Ehrenpräsidenten.

Der Abstecher in die Berufspolitik war nur kurz: 2002 kandidierte Schurawko erfolglos als Direktkandidat für ein Rada-Mandat des Gebiets Cherson, erhielt aber auf Anhieb mehr als zehn Prozent der Stimmen. 2006 zog er als Nachrücker für die linkszentristische Partei der Regionen in das Parlament in Kiew ein und wurde bei den Wahlen 2007 wiedergewählt. Bei den Wahlen im Jahr 2012 unterlag er als Direktkandidat einem Vertreter der damaligen Opposition und schied aus der Rada aus. 

Als im Herbst 2013 der nationalistische Maidan in Kiew tobte, stellte sich Alexei entschieden gegen diesen. In seiner ruhigen, aber deutlichen Art prophezeite er der Ukraine eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes, falls der Maidan siegen sollte – und behielt damit Recht. Als der Maidan Ende Februar 2014 siegte und den legitimen Präsidenten Janukowitsch stürzte, gelang es Schurawko, nur knapp einem wütenden Mob der Nationalisten zu entgehen. Er floh auf die damals bereits russisch kontrollierte Krim und lebte seitdem dort. 

Erstmals sah ich Alexei Schurawko in einem der Interviews, die er dem von der Krim operierenden YouTube-Kanal Newsfront fast wöchentlich gab. Seitdem versuchte ich, keinen dieser Beiträge zu verpassen. Mich faszinierten seine klaren, realistischen und stets zutreffenden Einschätzungen, seine kompromisslose Ehrlichkeit, auch wenn es nichts Gutes zu verkünden gab, sein immer mitschwingender Lebensoptimismus und die innere Kraft, die er ausstrahlte. Als YouTube den Kanal 2018 in einem Akt willkürlicher Zensur löschte, sah ich Schurawko notgedrungen seltener, versuchte aber dennoch, keinen seiner Auftritte, keine seiner Publikationen zu verpassen. 

Alexei Schurawko wollte immer zurück in seine Heimat und sprach davon in fast jedem seiner Interviews. Den Glauben daran, dass dies eines Tages möglich sein würde, verlor er in all den langen und dunklen Jahren, die das Maidan-Regime in Kiew nun schon herrscht, nie.  

Jetzt war sein Traum Wirklichkeit geworden. Er konnte wieder zurück in die Ukraine: nach Cherson, Aljoschki-Zjurupinsk, Scholtyje Wody … Er kehrte zurück in die Heimat. Aber die Maidan-Ukraine machte die Drohungen von 2014 wahr: Sie tötete Alexei.

Alexei hinterlässt seine Ehefrau und seine 15-jährige Tochter.   

Ruhe in Frieden, Kämpfer! 

Das letzte Video von Alexei Schurawko

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