Vorprogrammiertes Chaos: 9-Euro-Ticket (Symbolbild:Imago)

Wenn ab übermorgen das Neun-Euro-Ticket für die folgenden drei Monate in Kraft tritt, dürfte das bereits infrastrukturell und organisatorisch notleidende deutsche Bahnnetz vielerorts vollends dysfunktional werden. Das ursprüngliche Ziel des Staates, mit 2,5 Milliarden Euro Steuergeldern Bahnreisen und schienengebundenen ÖPNV „attraktiver“ zu machen, dürfte den gegenteiligen Effekt erzielen – denn schon bislang gehören Deutschlands Züge im weltweiten Vergleich zu den unpünktlichsten,    das nationale Bahnnetz weist einen bedrohlichen Investitionsrückstau auf, und die Sicherheitslage in Zügen und Bahnhöfen ist schon jetzt mehr als kritisch – und dürfte jetzt, wovor auch die Bundespolizei warnt, durch das Ticket noch kritischer werden. Die Bahnangestellten – Zugbegleiter, Lokführer, Sicherheitskräfte, Dispatcher, Signalmechaniker, Instandhaltungs-Techniker und viele mehr – arbeiten schon jetzt am Limit  – „physisch und psychisch”, so das Portal „Finanzmarktwelt”.

Der scheinheilige Versuch des Staates, durch die vermeintliche Wohltat dieses Tickets eine Art moderne Version von „Kraft durch Freude“ zu schaffen, die den von explodierenden Spritpreisen und Lebenshaltungskosten gebeutelten Deutschen in den Sommermonaten das „klimaneutrale“ Herumreisen ermöglichen soll, fällt zusammen mit einer bereits existierenden Überlastungssituation im Bahnverkehr, die mit dem Ukraine-Krieg zusammenhängt: Für über 600.000 Ukraine-Flüchtlinge gilt bereits das „Help-Ukraine„-Ticket der Bahn, das ihnen Fahrten zu ihrem zugewiesenen Zielort erlauben soll, infolge großzügig-solidarisch unterlassener Kontrollen jedoch zu einem permanenten Freifahrtschein geworden ist. Dieses läuft morgen aus – wobei den Ukrainern empfohlen wird, sich ebenfalls ein 9-Euro-Ticket zuzulegen. Es dürfte in Abteilen und Bahnsteigen bald unerträglich eng werden, es droht der Ausfall vieler Verbindungen.

Mit verkehrspolitischen Übersprunghandlungen, zu denen neben dem neuen Ticket auch der „Tankrabatt“ gehört (der infolge wundersamerweise jüngst gestiegener Spritpreise absehbar in den Taschen der Ölmultis landen dürfte), versucht die linksgrüne Ampel von ihrem eigenem Totalversagen abzulenken. Dass sie dabei allerdings, neben all den Chaos-Problemen, auch sozialpolitisch für neues Konfliktpotential sorgt, ist bislang viel zu wenig beachtet worden: Energie- und Treibstoffpreise treffen nicht jeden gleichermaßen.

Verkehrspolitische Übersprunghandlung

Sie sind vor allem für Autofahrer enorm gestiegen, wie jeder automobile Berufspendler und aufs Auto angewiesene Geschäftsreisende bei jedem Tankvorgang leidvoll aufs Neue spürt. Und aus den genannten Gründen wird auch der von der Bundesregierung als Trostpflaster fürs Volk gedachte Tankrabatt daran nichts ändern, der bereits von ruchlosen und findigen Mineralölmultis weggefressen wird.

Ausgerechnet die Bahnpendler jedoch haben durch die Spritpreisxeplosion und massive Verteuerung des Autofahrens keinen Nachteil; im Gegenteil: Wer das Privileg genießt, mit dem ÖPNV (sprich U-, S-Bahnen, und Stadtbussen) zur Arbeit fahren zu können, für den änderte sich kostenmäßig in der Vergangenheit fast nichts; sein Monatsticket hat sich nicht verteuert. Genau dieser Personengruppe jedoch wird jetzt vom Staat mit dem 9-Euro-Ticket ein zusätzliches Geschenk gemacht – indem eine bereits kostenmäßig geschonte und somit relativ bevorzugte Personengruppe durch Steuern zusätzlich subventioniert wird. Steuern, die nicht etwa ÖPNV, sondern unter anderem aus der Mineralölsteuer der Autofahrer kommen. Wenn das Klimapolitik fürs Proletariat sein soll, erweist sie sich einmal mehr als im Wortsinne asozial.

Die Pendler hingegen, die vor allem vom Land täglich in die Städte fahren, oder auch die Wochenendpendler, haben nur in seltensten Fällen die Möglichkeit, den ÖPNV als Alternative zu nutzen (und diese wenigen tun dies bereits, wo es möglich ist). Die übergroße Mehrheit der anderen Pendler haben diese Möglichkeit nicht – und sehen sich jetzt einem weiteren Wettbewerbsnachteil gegenüber. Während ihre Kollegen ein massives Steuergeschenk bekommen und ihre Fahrt zur Arbeit durch das 9-Euro-Ticket exorbitant billiger wird, müssen sie trotz Tankgutschein mehr denn je für die Fahrt zu Arbeit berappen. Dass ihre mit Bus- und Bahn pendelnden Kollegen künftig auf dem Weg zu Arbeit die Gesellschaft von 9-Euro-Touristen in überfüllten Abteilen ertragen müssen, ist da nur ein schwacher Trost. Am Ende werden sich allem die Geringverdiener überlegen, ob sie aus wirtschaftlichen Gründen nicht besser kündigen und als Arbeitlose am Ende sogar mehr Geld in der Tasche haben.



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