Die USA verteilen militärische Biolabore so gern wie Militärstützpunkte. In weiten Teilen der Welt wird das inzwischen nicht mehr gern gesehen. In Indonesien verfolgt man aufmerksam, was über diese Labore erzählt wird. Dies analysiert Dagmar Henn im Magazin „RT DE“.

Weiter analysiert Henn auf RT DE: „In Deutschland kommt sie nicht wirklich an, die Debatte um die
US-Biolabore, die die russische Regierung mit ihren Funden in der
Ukraine losgetreten hat. Russische Desinformation, heißt es da gerne.
Der Grund für diese zögernde Wahrnehmung dürfte aber nicht nur in dem
Anfall von Nibelungentreue liegen, der das Land zurzeit im Griff hält,
sondern mindestens ebenso sehr in der Tatsache, dass Deutschland, wenn
es um Fragen des pharmazeutisch-militärisch-industriellen Komplexes
(PMIK) geht, zu den Profiteuren gehört.

In Indonesien beispielsweise sieht das ganz anders aus. Dort hatte
schon im April ein Hinweis des Kommandeurs der russischen ABC-Truppen,
Igor Kirillow, eigene Recherchen des Nachrichtenportals Detik
ausgelöst, das immerhin eines der größten Medien des 200 Millionen
Einwohner zählenden Staates ist. Und vor wenigen Tagen hat nun die
ehemalige Gesundheitsministerin Indonesiens, Siti Fadilah Supari, noch
einmal nachgelegt und geäußert,
sie halte es für wahrscheinlich, dass kostenlose Behandlungen auf einem
Schiff der US-Marine im Jahr 2016 ein Vorwand waren, um an Proben aus
Indonesien zu kommen. Genaugenommen lautet der Vorwurf, es seien über
dreißig Patienten illegal Proben entnommen worden und zudem habe das
US-Militär ohne Genehmigung indonesischer Behörden mehrere tollwutkranke
Hunde auf einer der indonesischen Inseln erworben.

Auf den ersten
Blick klingt dieser Vorwurf albern. Blut- oder Gewebeproben von dreißig
Indonesiern? Was ist daran ein so großes Vergehen? Dahinter steckt aber
eine lange und heftige Auseinandersetzung mit dem Kern des PMIK rund um
die WHO, die bis in die Amtszeit von Fadilah Supari zurückreicht.

Seit
1970 befand sich in Indonesien eine Forschungseinrichtung der
US-Marine, NAMRU-2, ausgeschrieben Naval Medical Research Unit oder
medizinische Forschungseinheit der Marine. Die Einheit existiert immer
noch und arbeitet heute in Phnom Penh. Eigenen Angaben
zufolge befasst sie sich mit „Atemwegserregern (vor allem Influenza),
Magen-Darm-Erkrankungen, resistenten Wundinfektionen, fiebrigen
Erkrankungen, Denguefieber, Chikungunya und Malaria.“ Weiter heißt es
zur aktuellen Tätigkeit: „NAMRU-2 PP sammelt und bestimmt jährlich über
5.000 Proben und verteilt die daraus erhaltene Information an
kambodschanische Partner und solche der US-Regierung.“

Auf den ersten Blick klingt das unschuldig, obwohl die Tatsache, dass
es sich um eine militärische Einrichtung handelt, doch etwas irritiert.
Fadilah Supari jedenfalls durfte als amtierende indonesische
Gesundheitsministerin die Einrichtung nicht betreten, obwohl sich diese
sogar auf einem Grundstück des Gesundheitsministeriums befand; sie
benennt dies als einen der Gründe, warum sie letztlich dafür sorgte,
dass NAMRU-2 Indonesien im Jahr 2010 verlassen musste.

Partner der
US-Regierung gibt es viele, und genau hier beginnt alles sehr, sehr
undurchsichtig zu werden, und die indonesische Auseinandersetzung zeigt,
dass die Frage biologischer Waffen nur ein Bruchteil des Problems ist.
NAMRU behält sich vor, das gesammelte Material auch zur kommerziellen
Nutzung weiterzureichen, denn „Partner der US-Regierung“ sind nicht nur
diverse suspekte Forschungseinrichtungen, die sich mit Dingen wie
Gain-of-Function-Forschung befassen, sondern auch Pharmakonzerne.

Die
Variante der Vogelgrippe H5N1, die in Indonesien unter Beobachtung
stand, galt als besonders gefährlich und als möglicher Kandidat für eine
Pandemie. Zwischen 2005 und 2007 kam es zu einem Ausbruch in insgesamt
116 Fällen, von denen 94 tödlich verliefen; zwar waren darunter Fälle,
in denen der Übertragungsweg unklar war, in keinem Fall jedoch eine
nachgewiesene Übertragung von Mensch zu Mensch.

„Gemäß der Politik der WHO“, so Fadilah Supari zusammen mit anderen Autoren in einem Aufsatz
von 2008, der die indonesische Sicht auf den Konflikt erläuterte,
„wurden Proben der positiven menschlichen Fälle der Influenza A (H5N1)
an die WHO geschickt, in diesem Fall – wie es das indonesische
Gesundheitsministerium entschied – an die Zentren der Zusammenarbeit der
WHO beim US-CDC in Atlanta (über die Naval Medical Research Unit 2 in
Djakarta) und an das Referenz-Labor der WHO für H5 an der Universität
Hongkong. Über ein Jahr hinweg schickte Indonesien Proben von insgesamt
56 H5N1-positiven menschlichen Fällen an diese zwei mit der WHO
verbundenen Labore.“

Im Gegensatz zu den von der WHO verbreiteten
Richtlinien wurden die indonesischen Wissenschaftler, die die Proben
entnommen hatten, aber weder an den Forschungen beteiligt noch auch nur
als Koautoren erwähnt. Als weitaus schwerwiegender erwies sich
allerdings der Abschnitt in den WHO-Richtlinien, der besagte: „Es wird
keine weitere Verbreitung der Viren/Proben außerhalb des Netzwerks der
WHO-Referenzlabore ohne Genehmigung des Ursprungslandes/ -labors geben.“

Denn
nirgends wurde genauer erklärt, wer alles zu den „WHO-Referenzlaboren“
zählt; und, so der Aufsatz, „alle diese Labore waren in
Industrieländern, und der Begriff für sie wurde mehrmals geändert, von
„globalen Forschungslaboren“ zu „wichtigen, nicht kommerziellen
Forschungslaboren“ bis zu „wichtigen steuernden Laboren“.



Ende 2006 bestätigte ein Journalist dem indonesischen
Gesundheitsministerium, dass ein australisches Pharmaunternehmen einen
Impfstoff entwickeln wolle, der auf einem Virustyp aus einer
indonesischen Probe beruht. Diesen Virustyp konnte die Firma nur über
die WHO erhalten haben. Das löste in Indonesien Empörung aus.

„Länder,
die unter Krankheiten leiden, und die meist Entwicklungsländer sind,
liefern Informationen und teilen biologische Proben/ Viren mit dem
WHO-System; dann erhält die Pharmaindustrie der entwickelten Länder
kostenlosen Zugang zu diesen Informationen und Proben und produziert und
patentiert Produkte (Diagnostika, Impfungen, Heilmittel oder andere
Technologien), die sie dann zu unbezahlbaren Preisen an die
Entwicklungsländer zurück verkauft.“

Ähnliche
Konflikte gab und gibt es auch in anderen Bereichen; bezogen auf
Saatgut beispielsweise, wenn jahrhundertelange Entwicklungen indigener
Völker abgegriffen werden, um dem industriellen Saatgut wieder gewisse
Resistenzen zu verleihen, das Ergebnis dann aber patentiert wird. Oder
wenn pharmazeutische Unternehmen Substanzen aus der traditionellen
Medizin übernehmen; was manchmal bis zu der Konsequenz führt, dass die
ursprünglichen Entwickler dank eines erteilten Patents ihre eigene
Entwicklung gar nicht mehr legal nutzen dürfen. Es sind im Grunde
Variationen über das immer gleiche Thema kolonialer Verhältnisse, nur
dass die Anwendungsbereiche heute wesentlich vielfältiger sind als im
19. Jahrhundert und bis in das menschliche Genom hinein reichen können.

Fadilah Supari reagierte jedenfalls auf diese Situation und
verankerte im indonesischen Recht die Vorgabe, dass Proben jedweder Art
Indonesien nur dann verlassen dürfen, wenn ein Material Transfer
Agreement, das heißt eine Übereinkunft zum Materialtransfer,
abgeschlossen wurde, die eine kommerzielle Nutzung des Materials
untersagt. Gleichzeitig versuchte sie, allerdings erfolglos, die
Position der Ursprungsländer innerhalb der WHO zu verbessern.

Diese
Pflicht zum Abschluss eines Material Transfer Agreement ist es, die die
Frage, ob ein Klinikschiff der US-Marine im Jahr 2016 während eines
gemeinsamen Manövers Proben indonesischer Kranker abgegriffen hat, zu
einem hochpolitischen Thema macht. Was Fadilah Supari während ihrer
Amtszeit aufgeworfen hatte, war nichts weniger als die Frage der
Souveränität.

NAMRU-2 musste in Indonesien jedenfalls im Jahr 2010
schließen. In den Jahren seines Bestehens lieferte es allerdings schon
vor den Proben der Vogelgrippe unzählige Proben verschiedenster Erreger
in die USA, unter anderem nach Los Alamos, sowie eben an „Partner der
US-Regierung“, heißen sie nun Pfizer oder Gilead.

Von der US-Seite
werden die Vorwürfe, die Supari auch in Form eines internationalen
Bestsellers veröffentlichte, mit dem Etikett „Verschwörungstheorie“
versehen. Ein besonders hübsches Exemplar
einer solchen Reaktion findet sich auf der Webseite des Zentrums zur
Erforschung von Infektionskrankheiten der Universität Minnesota, passend
dekoriert mit Sponsoren wie Wellcome, Merck und Gilead. Zugegeben,
dieser Text, der die Kooperation zwischen WHO und pharmazeutischer
Industrie zum Nachteil der Entwicklungsländer ins Reich der Fantasie
verweist, stammt aus dem Jahr 2008. Inzwischen ist man jedoch eine
Schweinegrippe und eine Coronapandemie klüger.

Tatsächlich unterscheidet sich der Umgang mit dem Erregermaterial aus
Entwicklungsländern nicht grundsätzlich von den Manövern, die man beim
Thema Klimawandel oder selbst jetzt im Zusammenhang mit der Frage der
Ernährungssicherheit beobachten kann. Es lohnt sich durchaus, einen
„kommenden“ Erreger früh abzugreifen und dann ein Patent auf einen
Impfstoff in der Hand zu haben, oder auf ein Nachweisverfahren. Das mag
in vielen Fällen eine Fehlspekulation sein, aber die Kosten halten sich,
seit ganze Gensequenzen aus dem Drucker laufen können, in sehr engen
Grenzen, wohingegen die möglichen Gewinne astronomisch sind.

Eine
Beteiligung der Ursprungsländer an all dem wäre aus zwei Gründen
hinderlich. Zum einen, weil sie den Gewinn schmälern würde, zum anderen
aber, weil diese Länder womöglich die Bekämpfung einer Krankheit für
wichtiger halten als ihre maximale ökonomische Verwertung. Eine Idee,
die – das konnte man bei COVID-19 am Umgang mit möglichen Heilmitteln
sehen – bei den Profiteuren der Krankheitsverwertung nicht sehr beliebt
ist.

Das Misstrauen, das solche Verhältnisse auslösen, ist überaus
berechtigt. Schließlich verhält sich der kollektive Westen, wie man
gerade am Beispiel der Nahrungsmittelversorgung sehen kann, nicht anders
als jeder Schutzgelderpresser – er schafft erst das Problem, vor dem er
dann Rettung bietet, um den kleinen Preis langfristiger Abhängigkeit.
Warum sollte das im Umgang mit biologischem Material anders sein?

Bei
den ungeheuren Gewinnmargen, von denen wir hier reden (allein die
Differenz zwischen den 2,50 Euro, die ein PCR-Test in Österreich kostet,
und den 60 Euro, die in Deutschland dafür gezahlt werden, reicht als
Illustration) ist die Versuchung groß, dem Geschäft ein wenig
nachzuhelfen. Würde man wirklich für jeden Milliardär oder
Möchtegernmilliardär die Hand ins Feuer legen?

Die Übergänge zwischen der ökonomischen Nutzung und dem Einsatz als
biologische Waffe sind unter diesen Voraussetzungen notwendigerweise
fließend. Das eine ist jedoch nicht weniger bedrohlich als das andere.
Für alle Länder, in denen der pharmazeutisch-militärisch-industrielle
Komplex nicht vertreten ist, ist das unmittelbar einsichtig, und
dementsprechend wird auf das Thema reagiert. Dort allerdings, wo er zu
Hause ist (und das sind vor allem Deutschland und die USA, danach die
Schweiz, Frankreich und Großbritannien), sorgen schon die enormen
Gewinne dafür, dass kritische Stimmen nicht zu Wort kommen. Für einen
Bruchteil der Gewinne der Firma BioNTech könnte man die gesamte
Bundesregierung sowie den Bundestag bis hinunter zum letzten Saaldiener
kaufen. Eine ehrliche Auseinandersetzung mit den Gefahren dieses
Gewerbes ist daher kaum zu erwarten.

Indonesien hat mit der
Einführung der Material-Transfer-Agreements zumindest einen Schritt in
die richtige Richtung gemacht, und die Berichterstattung dort zeigt,
dass das Problem nach wie vor gesehen wird. Das ist in vielen Ländern
außerhalb des engen westlichen Zirkels der Fall. Man erinnert sich auch
noch an die vielen Aids-Toten in Lateinamerika und Afrika, die die
Preispolitik der Pharmakonzerne auf dem Gewissen hat; ein unnötiges
Sterben, das erst endete, als zwei große Länder, Indien und Brasilien,
beschlossen, die Patente im Interesse ihrer Bevölkerung zu ignorieren.

Der Sprecher des US-Botschafters in Indonesien, Michael Quinlan, reagierte auf die Berichterstattung von Detik
in der erwartbaren Weise. Die Vorwürfe seien Propaganda, die der Kreml
absichtlich streue, um die Öffentlichkeit über seine Handlungen in der
Ukraine, in Georgien und an anderen Orten in Europa in die Irre zu
führen. Der russische Auslandsgeheimdienst kreiere Fake News über die
Vereinigten Staaten.

Letztlich ist es aber egal, ob Labore wie
NAMRU-2 militärischer oder kommerzieller Forschung dienten; unter diesen
Bedingungen erweisen sich beide als gleichermaßen schädlich. Für beide
Seiten gilt im Grunde dieselbe Notwendigkeit zu völliger Offenlegung.
Weder eine Forschung für biologische Waffen noch eine auf Maximalgewinne
aus Infektionskrankheiten ausgelegte kann sich die Menschheit leisten.
Beide haben tendenziell die gleichen verheerenden Folgen. Die derzeitige
Verschiebung der globalen Machtverhältnisse zu Ungunsten der
Heimatländer des pharmazeutisch-militärisch-industriellen Komplexes
könnte gerade noch zur rechten Zeit gekommen sein.“



Quelle: RT DE



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