Nicht länger geheim: In der neuen COMPACT-Edition “Putin verstehen” werden wichtige Reden des russischen Präsidenten aus der Kriegs- und Vorkriegszeit publiziert, die im Westen verschwiegen oder verfälscht wurden. Was lässt sich daraus für die Kriegsschuldfrage, aber auch für die künftige Entwicklung der Konfrontation ablesen? Eine Diskussion zwischen Martin Müller-Mertens und Jürgen Elsässer.

 

Martin Müller-Mertens: COMPACT hat eine neue Edition herausgegeben.. Putin zum Zweiten, könnte man sagen. Wir hatten bereits 2014 schon eine, mit „Reden an die Deutschen“. Das jetzige Heft heißt „Putin verstehen“.  Und ich hab mich gefragt, worauf sich das eigentlich bezieht. Denn Putin wird ja im Westen bewusst missverstanden.  Er wird auch oft im Originalton gar nicht gebracht. Also wollen wir Putin richtig verstehen –  oder wollen wir ihn überhaupt erstmal zu Gehör bekommen? 

«Putin verstehen» – die neue COMPACT-Edition.
Foto: COMPACT

Jürgen Elsässer:  Sinn dieser COMPACT-Edition ist es erstmal, den unverfälschten, originalen Putin zu Wort kommen zu lassen, damit die Leser sich selbst einen Reim darauf machen können und ihn dann verstehen. Egal in welche Richtung dieses Verstehen ausgeht, ob positiv oder negativ. Sinn unserer COMPACT-Editionen ist auch immer, Menschen eins zu eins abzudrucken und sie nicht zu kommentieren. Das haben wir bei Trump gemacht, das haben wir bei Höcke so gemacht und das machen wir jetzt bei Putin: „Reden aus der Kriegszeit im Original“, lautet der Untertitel. Und die große Frage ist natürlich: Wird dieses Heft verboten? Darf man es noch publizieren? Es ist ja erst seit wenigen Tagen an den Kiosken, es bleibt spannend… Früher hätte so ein Heft mit Reden eines ausländischen Staatsmannes die Bundeszentrale für politische Bildung gemacht. Jetzt ist Putin aber mittlerweile ein Teufel, ein Hitler,  mindestens irgendwas zwischen Hitler und Stalin. So gibt´s nur noch COMPACT, das den Mut hat, seine Sache zu publizieren. Wir setzendrauf, dass es genügen Neugierde trotz all der Hetze gibt, wo Leute sagen: Mensch, ich will´s mir mal genauer angucken, was der Kerl sagt. 

Putin und die Deutschen: alles perdu?

Martin Müller-Mertens:  Da gibt es ja eine Lücke zwischen 2014 – der COMPACT-Edition „Putin: Reden an die Deutschen“ – und der jetzigen Edition, „Putin verstehen: Reden aus der Kriegszeit“. Der Untertitel  „Reden an die Deutschen“ ergab sich 2014 aus dem Inhalt des Heftes. Aber er war natürlich auch programmatisch, weil Putin anfänglich tatsächlich ein Bündnis mit Deutschland angestrebt hat und im Bundestag bei seiner Rede vor 20 Jahren auch vorgeschlagen hat, was hier zum Teil bewusst fehlinterpretiert wurde. Ob er diesen Kurs 2014  tatsächlich noch verfolgte, das sei mal dahingestellt. Aber dieses Heft bildete in gewisser Weise retroperstektiv die erste Phase der Ära Putin ab. Ist  „Putin verstehen“ heute bereits das Verstehen eines Mannes, der für uns Deutsche verloren ist?

Jürgen Elsässer:  Ja, du hast schon Recht. Die erste Putin-Edition von 2014, da spürte man noch sehr viel mehr Wärme, allerdings abnehmende Wärme, bei Putin gegenüber unserem Volk. In der neuen Ausgabe „Putin verstehen“ gibt es auch noch Elemente, wo sich Putin an die Deutschen richtet. Ein sehr wichtiger Beitrag ist sein Interview im österreichischen Staatsfernsehen ORF. Wo er im Einzelnen noch mal ausführt, welche Angebote er gemacht hat. Und wo er in aller Seelenruhe und Ausführlichkeit auf die ganzen  Anwürfe eingeht, die man bei uns damals schon – das Interview war 2018 – in den Medien und der Politik gehört hat: Opposition unterdrückt, Nawalny, Oppositionelle vergiftet und so weiter. Da merkt man, dass er sich noch bemüht, ansonsten hätte er sich gar nicht beim ORF hingesetzt.

Ebenfalls in dem Zusammenhang steht sein Appell an die Deutschen, als Scholz am Vorabend des Krieges in Moskau war, am 15. Februar 2022, und es für ein, zwei Tage ein Fenster der Entspannung gab, weil die beiden sich zwar ausgetauscht haben in ihrer Unterschiedlichkeit und Gegensätzlichkeit, aber der Gesprächsfaden war nicht nicht gerissen. Diese Diskussion Putin-Scholz ist in dieser Ausgabe ebenfalls abgedruckt, wo man beim Lesen merkt, es wird noch um Argumente gerungen. Damals auch noch im gewissen Sinne von Scholz, der erst später umgefallen ist, aber vor allem von der Seite Putins. 

Wann fiel der  Startschuss für den Einmarsch?

Martin Müller-Mertens: Nun ist ja dieser Krieg nicht einen Tag vorher geplant worden. Natürlich müssen dem monatelangen Vorbereitungen, insbesondere auch politische und strategische Überlegungen vorausgegangen sein. Und zwar auch irgendwann die Überlegung: Wir haben mit dem Westen einen Gegner, der uns nicht mehr die Wahl lässt, ob wir irgendwann in einen Waffengang rutschen, sondern möglicherweise nur mehr die Wahl über das Territorium und den Zeitpunkt dieser Auseinandersetzung lässt. Wenn man sich zurückliegend diese Auseinandersetzung ansieht, ist da erkennbar, wann dieser Bruch erfolgt ist, der einem vielleicht in der Zeit damals gar nicht aufgefallen ist? 

Trump muss für Hitler weichen: Er stellt den neuen bösen Freund an Putins Seite dar. Die Karikatur stammt von dem Polen Andriy Levchenko. Foto: Andriy Levchenko

Jürgen Elsässer:  Es gibt im Grunde drei neuralgische Punkte, die auch durch die von uns dokumentierten Putin-Reden beleuchtet werden. Der eine Punkt ist im Sommer 2021, als ein britisches Kriegsschiff ins Schwarze Meer ins Territorialgewässer der Krim, was ja Russland ist mittlerweile, eindringt, um die Luftabwehr der Russen zu testen. Die haben mit Wasserbomben reagiert und das Schiff konnte abgedrängt werden. Aber es war eine sehr kitzlige Situation. Der zweite Punkt kommt zum Jahresende 2021, wo sich einerseits die Angriffe im Donbass durch die Ukraine verstärken und Putin gleichzeitig versucht, mit dem Westen einen Vertrag zu schließen, wie man diese Situation befriedet und sozusagen im Status Quo einfriert. Das heißt, vom Westen hat er auch gefordert, was Gorbatschow vergessen hat festzuschreiben, nämlich den Verzicht auf die NATO-Osterweiterung, nämlich Richtung Ukraine. Dann kommt als dritte Wegmarke eben das Gespräch mit Scholz am 15. Februar. 

Es stimmt, was du sagst, die Russen haben natürlich Vorbereitungen für den Tag X getroffen. Aber es war keine ausgemachte Sache. Wir hatten die großen Manöver am Jahresende, aber da gab es auch wieder einen Rückzug, kurz vor dem Jahreswechsel 2021/22. Und wir hatten ähnlich große Manöver im Frühjahr 2021, die wurden dann ja auch beendet. Deshalb hätten auch die Manöver zum Jahresende 2021, obwohl die Russen den Plan zum Einmarsch wohl schon in der Schublade hatten, nicht zwangsläufig der Startpunkt zum Einmarsch in die Ukraine sein müssen. Der springende Punkt war tatsächlich, dass nach dem Gespräch mit Scholz am 15. Februar – drei Tage später beginnt die Münchner Sicherheitskonferenz, Scholz hat wieder mal gekniffen – von der NATO auf die Entspannungssignale nicht reagiert wurde. Im Gegenteil, wie sich in München zeigte: Die Ukrainer treten auf, Selenski ist dabei, Baerbock ist von deutscher Seite dabei. Und Selenski sagt, wir halten erstens fest an der NATO-Mitgliedschaft ,und zweitens wollen wir auch Atomwaffen. Zur selben Zeit, etwa am 18. Februar, intensivieren sich auch die ukrainischen Angreife im Donbas noch mal. ES kommt auch zu Artilleriebeschuss von russischem Staatsgebiet. Diese Kombination – die Scholz-Hoffnung ist passé, Münchener Sicherheitskonferenz mit neuen Drohungen plus gleichzeitig intensivierter Beschuss im Donbas – hat wohl zu Putins Angriffsbefehl geführt.

Putin spielt die Geschichtskarte

Martin Müller-Mertens: Wenn wir es zu tun hätten mit den, ich sage mal, alten imperialistischen Recken,  die interessengeleitet einfach ihren Vorteil suchen, die würden sagen: Diese ganze Situation ist zwar furchtbar, aber man schlägt sich und man wird sich auch wieder vertragen, wenn man irgendwas unter sich aufgeteilt hat. Nun haben wir es aber mit einer andren Politikergeneration zu tun, die nicht nur von wertebasierter Außenpolitik faselt, sondern die, und das ist meine große Befürchtung, auch daran glaubt. Das heißt, sie werden nie Interessen im Blick haben, sondern sie werden fanatische Ideologien im Blick haben, die sie mit schon fast einem messianischen Durchsetzungsgeist verfolgen. Wenn sie das tun, ist klar, dass irgendein Ausgleich mit Russland praktisch unmöglich ist. Mit einem Putin-Russland sowieso nicht, aber wahrscheinlich auch mit keinem anderen Russland, das nicht mindestens von Transsexuellen oder sonst was regiert wird. Wenn wir also auf eine sehr lange Zeit der Konfrontation hinauslaufen, ist dann die Edition „Putin verstehen“  nur noch eine Reminiszenz?

Putin
Putin im Januar 2018 zur Feier des 75. Jahrestages der Schlacht um Stalingrad. Die Rote Armee hatte tatsächlich etwa eine Million Frauen im Fronteinsatz. Foto: kremlin.ru

Jürgen Elsässer:  Unsere Putin-Edition weist auch in die Zukunft, denn sie zeigt, dass der Mann noch Geheimnisse und geheime Karten hat, die er ausspielen kann. Und zwar vor allem im Bereich der Geschichtspolitik. Er hat Reden gehalten, die in unserer Putin-Edition abgedruckt wurden, wo er auf den Zweiten Weltkrieg rekurriert. Da geht er schon sehr stark in die Richtung zu sagen, dass  dieser Krieg „viele Väter hatte“, um es mit Schultze-Rhonhof zu sagen. Wichtige Väter, neben Hitler, waren  die Staatsmänner der USA, aber auch Großbritanniens und Frankreichs. Da hat Putin sehr interessante Andeutungen gemacht, was den Kriegsbeginn 1939, den Hess-Flug und verschollene Dokumente angeht. In einer späteren Rede, die wir auch abgedruckt haben, vom März 2022 sagt er auch sehr Interessantes zum Thema Holocaust in der Ukraine: „Wie wir wissen, waren die Täter sowohl der Pogrome an Polen als auch der Pogrome an den Juden nicht die Deutschen selbst, sondern lediglich die SS-Division Galizien, Bandera usw. Alle diese pro-faschistischen Bastarde.“ Das heiß, ohne jetzt die Deutschen oder die deutsche SS zu entschuldigen, sagt er: Rein auf unmittelbarer Täterebene, quantitativ, waren die ukrainischen Einheiten bedeutsamer. Das hat man natürlich noch nie gehört – in der Fachliteratur vielleicht schon irgendwo. Aber in der Öffentlichkeit wird das überhaupt nicht thematisiert. Weltkrieg, Holocaust, da war immer der schwarze Peter allein bei den Deutschen, sonst bei niemanden. Und Putin deutet an, dass es in den russischen und sowjetischen Archiven noch weiteres Material gibt, wonach auch andere Dreck am Stecken haben. Ich kann mir vorstellen, dass er in Zukunft diese Karte spielen wird. 

(Transkript aus unserer TV-Nachrichtensendung COMPACT.DerTag vom 16. Mai).

Hier die komplette Inhaltsübersicht der COMPACT-Edition “Putin verstehen – Seine Reden aus der Kriegszeit im Original”:

„Ich erkläre das jetzt. Haben Sie etwas Geduld“
Die große Putin-Bilanz: Interview mit dem ORF am 4. Juni 2018

„Wir werden mit ihm zusammenarbeiten“
Nach dem Amtsantritt von Selenski: TV-Interview vom 6. August 2019

„Das stinkt mir!“
Über Oligarchen: Interview mit der Nachrichtenagentur TASS vom 17. März 2020

„Wir können kein Chaos gebrauchen“
Über Parteienpluralismus: Interview mit der Nachrichtenagentur TASS vom 23. März 2020

„Unsere Hyperschallwaffen kann keine Raketenabwehr stoppen“
Über das atomare Wettrüsten: Interview mit RIA Novosti am 19. Dezember 2020

„Es droht der Krieg aller gegen alle“
Wie in den 1930er Jahren: Rede auf dem Weltwirtschaftsforum am 27. Januar 2021

„Sei nicht böse auf den Spiegel, wenn Du hässlich bist“
Zum Verhältnis Moskau–Washington: Interview mit NBC am 14. Juni 2021

„Deutschland und die Sowjetunion sollen sich gegenseitig ausbluten“
Westmächte und Zweiter Weltkrieg: Essay vom 18. Juni 2021

„Früher gab es Großrussen, Weißrussen und Kleinrussen“
Nochmal zu Selenski: Interview am 22. Juni 2021

„Sie sind an unsere Grenzen vorgerückt“
Eskalation im Schwarzen Meer: Fragerunde mit russischen TV-Stationen am 30. Juni 2021

„Wir erhöhen unsere Lieferungen, die USA verringern sie“
Gas als Waffe: Interview mit NBC am 14. Oktober 2021

„Das ist schlimmer als die sowjetische Propaganda“
Über Gender Mainstream: Rede auf der Valdai-Konferenz am 22. Oktober 2021

„Das Gesetz verbietet keine politische Position“
Über Zensur in Russland: Diskussion auf der Valdai-Konferenz am 2. November 2021

„Darauf kann man sich nicht verlassen“
Klare Ansage an die NATO: Pressekonferenz am 21. Dezember 2021

„Wir sind bereit zu verhandeln“
Friedenshoffnung: Pressekonferenz mit dem Bundeskanzler am 15. Februar 2022

„Uns bleibt nichts anderes übrig, als auf diese Gefahr zu reagieren“
Vor dem Einmarsch: Rede am 21. Februar 2022

„Habe beschlossen, eine besondere Militäroperation durchzuführen“
Tag des Einmarsches: Rede am 24. Februar 2022

„Es ist lange her, dass wir eine solche Einigkeit hatten“
Acht Jahre Beitritts-Referendum auf der Krim: Rede am 18. März 2022

„Das ist Kulturabschaffung“
Über Cancel Culture: Rede auf einem Treffen mit Künstlern am 25. März 2022

„Sie selbst werden unvermeidlich Probleme bekommen“
Ökonomie: Pressekonferenz mit Alexander Lukaschenko am 12. April 2022

„Herr Generalsekretär, Sie werden getäuscht“
Völkerrecht, Butscha: Treffen mit UN-Generalsekretär Antonio Guterres am 26. April 2022

“Putin verstehen – Seine Reden aus der Kriegszeit im Original” – hier bestellen.

 



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