Eine Analyse von Jewgeni Tugolukow

Als ich vor anderthalb Jahrzehnten in das russische Parlament gewählt wurde, vertrauten mir meine Kollegen den Vorsitz im Ausschuss für natürliche Ressourcen, Umweltmanagement und Ökologie an. Seitdem heißt dieses Gremium innerhalb der Staatsduma „Ausschuss für Ökologie, natürliche Ressourcen und Umweltschutz“. An der Oberfläche scheint sich wenig geändert zu haben – schließlich weiß jedes Schulkind, dass eine Namensänderung nicht immer auch eine Funktionsänderung bedeutet. Aber tatsächlich gibt es Nuancen, und sie sind sehr bedeutsam.

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Die Umbenennung spiegelt die Entwicklung der Einstellung zu Umweltfragen auf den höchsten gesetzgebenden Ebenen Russlands und in der Regierung wider – Ökologie ist zu einer der wichtigsten Prioritäten in der Innenpolitik geworden. Früher lag der Schwerpunkt auf den natürlichen Ressourcen, an denen unser Land so reich ist und deren Gewinnung, seien wir ehrlich, einen wichtigen Beitrag zu unserer Volkswirtschaft und unserem Wohlstand leistet.

Während der Jahrzehnte der Industrialisierung in der UdSSR hat niemand ernsthaft über Ökologie als Beziehungssystem zwischen Mensch und Natur nachgedacht. Das war nicht nur in unserem Land, sondern auf der ganzen Welt so. Durch die barbarische Ausbeutung natürlicher Ressourcen hat sich der Planet in eine riesige Müllhalde verwandelt, die mit den Abfallprodukten der Konsumgesellschaft bedeckt ist. Durch die Perspektive unerträglicher Zustände für den menschlichen Organismus ist die Existenz unserer Zivilisation an den Rand der Selbstzerstörung getrieben worden.

Wir sind jedoch nicht nur aufrecht gehende Säugetiere, sondern Homo Sapiens – Individuen mit Intelligenz und Weisheit, die in der Lage sind, Lektionen zu lernen und die Zukunft zu gestalten. 2015 unterzeichneten die Staatsoberhäupter aller UN-Mitgliedsstaaten die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs), die bis 2030 erreicht werden sollen. Dies war ein Wendepunkt in der Bildung eines neuen Paradigmas, das einen verantwortungsvollen Umgang nicht nur mit der Natur, sondern auch die Bedürfnisse der Menschen mit einschließt, unabhängig von Herkunft, Vermögensstand und physischen Fähigkeiten.

Um diese SDGs zu erreichen, brauchen wir sowohl Entscheidungen auf der politischen Makroebene, einschließlich der Verabschiedung relevanter Gesetze und Vorschriften, als auch die Anstrengungen der Wirtschaftssubjekte selbst. Als Antwort auf diese Herausforderung entstand das ESG-Modell (Environmental, Social, and Corporate Governance – Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführung), das Unternehmensführer dazu ermutigt, ökologische und soziale Probleme autonom, aus eigenem Willen und nach besten Kräften zu lösen. Die Einhaltung der ESG-Prinzipien bringt für Länder und Unternehmen langfristig sogar Dividenden ein.

Laut einem aktuellen Bericht des Weltwirtschaftsforums und der Boston Consulting Group wird der Klimawandel traditionelle Geschäftsmodelle in Frage stellen und große Chancen in einer Vielzahl von Sektoren für ökoeffiziente Unternehmen schaffen, die sich aktiv für grüne Technologien einsetzen. Unternehmen die in der Klimapolitik führend sind, können bessere und talentiertere Mitarbeiter anlocken, sie spielen in Segmenten mit höherem Wachstum, sparen Kosten bei gleichzeitiger Senkung der Emissionen, reduzieren ihre Risikoexposition und stärken ihren Zugang zu günstigerem Kapital. Infolgedessen schaffen diese Unternehmen einen höheren Aktionärswert.

Wie lassen sich die Ansätze des ESG auf die spezifischen gesellschaftlichen Bereiche übertragen, zum Beispiel auf das Gesundheitswesen? Hippokrates sagte: „Der Arzt behandelt, aber die Natur heilt“. Der Begründer der medizinischen Wissenschaft lehrte, dass eine Krankheit nicht wie ein Blitz jemandem aus heiterem Himmel auf den Kopf fällt, sondern das Ergebnis langfristiger Verletzungen von Naturgesetzen ist. Das allmähliche Ausdehnen und Anhäufen dieser Verletzungen bricht plötzlich in Form einer Krankheit aus, aber die Plötzlichkeit ist nur imaginär.

In Bezug auf die wirtschaftliche Aktivität ist die Medizin selbst eine der umweltfreundlichsten Industrien. Der moderne Gebäudebau im Gesundheitswesen wird gemäß den LEED-Standards (Leadership in Energy and Environmental Design) durchgeführt, die jeden Teil eines Krankenhausbetriebs, von der Belüftung bis zu den Sanitäranlagen, regeln und die Effizienz der Nutzung der Ressourcen bewerten.

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Natürlich ist es notwendig, ein schlankes Management zu implementieren und einen innovativen Ansatz im Gesundheitswesen, der auf die rationelle Nutzung von Energiekapazitäten und das Recycling von Abfällen abzielt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass rund 87.000 Tonnen persönlicher Schutzausrüstung (PSA), die von den Vereinten Nationen während der COVID-19-Pandemie verteilt wurden, eine enorme Menge an Abfall erzeugt haben. Wenn wir Tonnen in die Anzahl medizinischer Schutzmasken umrechnen, sind es etwa 30 Milliarden.

Moderne Technologien ermöglichen es inzwischen, medizinische Abfälle erfolgreich zu recyceln und daraus Materialien herzustellen, die unter anderem zum Schutz der Natur beitragen. So haben Chemiker der Polytechnischen Universität in Tomsk, Russland, einen neuen superhydrophoben öl- bzw. farbannehmenden Stoff entwickelt, der aus gebrauchten Masken hergestellt wird. Aufgrund seiner faserigen Struktur reinigt er effektiv Wasser, das von Verschmutzung durch Öl und Chemikalien betroffen ist.

Beim ESG-Modell beziehen sich medizinische Organisationen eher auf den Buchstaben „S“. Die WHO definiert Lebensqualität als die Art und Weise, wie Individuen ihre Position in Bezug auf Ziele, Erwartungen, Normen und Anliegen wahrnehmen. Sie wird durch körperliche, soziale und emotionale Faktoren bestimmt. Die Lebensqualität beschreibt auch den Grad des Wohlbefindens eines Menschen mit sich selbst und mit der Gesellschaft, in der er lebt.

Im Mittelpunkt der modernen Medizin steht nicht nur die Behandlung von Krankheiten, sondern auch die Erhaltung der Gesundheit im weitesten Sinne. Das Konzept der wertorientierten Gesundheitsversorgung fördert die Aufmerksamkeit auf Qualität statt Quantität. Es ist nicht mehr nur eine Dienstleistungsbranche, die Menschen hilft, die Probleme mit ihrer körperlichen oder geistigen Verfassung haben, sondern ein System, das soziales Wohlergehen und eine hohe Lebensqualität garantiert. Wir sprechen also über die Quintessenz der SDGs.

Im Jahr 2019 kündigte die Weltbankgruppe die globale Initiative „Ethical Principles in Health Care“ (Ethische Prinzipien im Gesundheitswesen) an. EPiHC sind zehn Prinzipien, zu deren Einhaltung sich medizinische Dienstleister, Investoren und andere Teilnehmer der Branche verpflichten. Dazu gehören die Verpflichtung zur Umsetzung hoher Qualitätsstandards, Schutz der Patientenrechte, verantwortungsvoller Umgang mit personenbezogenen Daten, Schutz der Umwelt sowie Verhinderung von Diskriminierung und Belästigung. Ich habe dieses Dokument ausgedruckt und es als „Zehn Gebote“ in meinem Büro an die Wand gehängt.

Die moderne Medizin heilt problemlos Krankheiten, die vor hundert Jahren als tödlich galten. Dies geschah dank des unglaublichen Fortschritts der medizinischen Wissenschaft, der Erfindung neuer Arzneimittel, Geräte und Technologien. Nichts kann jedoch eine menschliche Haltung und Mitgefühl für einen erkrankten Menschen ersetzen. Es wurde von dem bedeutenden Psychiater, Anthropologen und Theoretiker des öffentlichen Gesundheitswesens Arthur Kleinman präzise formuliert.

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Seine Weltanschauung, basierend auf jahrzehntelanger Arbeit in verschiedenen Ländern der Welt, priorisiert den Begriff der Pflege. Kleinman schrieb: „Ökonomen betrachten die Pflege als eine Belastung, Psychologen sprechen von einer Bewältigung, Gesundheitsforscher beschreiben soziale Ressourcen und Gesundheitskosten und Ärzte begreifen Pflege als klinische Fähigkeit. Jede dieser Perspektiven stellt einen Teil des Gesamtbildes dar. Für die medizinischen Geisteswissenschaften und die interpretativen Sozialwissenschaften ist Fürsorge ein grundlegender Bestandteil der moralischen Erfahrung. Damit meine ich, dass wir Pflege als eine existentielle Qualität des Menschseins begreifen.“

Das Schlüsselwort, das die Beziehung zwischen Arzt und Patient definieren sollte, ist Würde. Angehörige der Gesundheitsberufe müssen die Persönlichkeit und die individuellen Bedürfnisse derer respektieren, die mit ihren Problemen zu ihnen kommen. Die goldene Regel, die sie befolgen sollten, lautet: Behandle andere so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Dies erfordert die Interaktion mit einer Person als Gegenstand des Dialogs und der gemeinsamen Bemühungen. Es ist notwendig, in ihm eine Person zu sehen und kein Objekt zur Manipulation und einen Kunden, der Geld in die Kasse bringt.

Einrichtungen des Gesundheitswesens sollten sich darauf konzentrieren, Pflegeleistungen zu erbringen und soziale Dienste zu unterstützen. Schließlich hat jeder Mensch ohne Ausnahme sein ganzes Leben lang mit Ärzten zu tun, von der Geburt bis zum Tod. Daher sollten multifunktionale Kliniken zu Schulen und Inkubatoren für soziale Mediatoren werden, die vielfältige Hilfe für die Menschen leisten und ehrenamtliche Organisationen mit einbeziehen. Ein beeindruckendes Beispiel dafür ist das Projekt „Weisser Schilf“, das vor zehn Jahren im russischen Jekaterinburg gegründet wurde und sich inzwischen zur internationalen Bewegung „Extrability“ (Kombination aus „Extra“ und „Capability“ – Fähigkeit) entwickelt hat.

Dies ist ein einzigartiges soziales Experiment, bei dem die Teilnehmer – Menschen mit verschiedenen Arten von körperlichen Behinderungen – unverzichtbare Erfahrungen einer positiven Lebenseinstellung und der vollen Interaktion mit der Außenwelt sammeln. Die Bewegung hilft ihnen, eine existenzielle Nische, einen anständigen Job zu finden, ihre Fähigkeiten und Talente zu verwirklichen und einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Eines der bekanntesten Projekte von Extrability sind die Regatta „Segeln der Seelen“ und Expeditionen für Menschen mit Behinderungen, die in verschiedenen Regionen der Welt führen.

Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, Menschen, deren körperliche Fähigkeiten durch Verletzung oder Krankheit eingeschränkt sind, nicht nur finanziell zu unterstützen, sondern auch die Einstellung der Gesellschaft ihnen gegenüber zu verändern. Es muss aufhören, Menschen mit Behinderungen als krank und fehlerhaft zu behandeln. Oft sind die Fähigkeiten dieser Menschen – sowohl in Bezug auf den Intellekt als auch auf die praktischen Arbeitsfähigkeiten – viel höher als die derjenigen, die über eine hervorragende körperliche Verfassung verfügen. Die neue Kultur der „Extrability“ soll uns dazu anregen, unter anderem die übliche Terminologie zu ändern. So ist beispielsweise das Wort „invalid“, das im Lateinischen „schwach“ bedeutet, praktisch obsolet geworden.

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Der Schriftsteller Fjodor Dostojewski, dessen zweihundertjähriges Jubiläum wir letztes Jahr feierten, erklärte eine biblische Wahrheit mit einem Monolog von Mitja Karamasow, in seinem Roman „Die Brüder Karamasow“: „Gott und der Teufel kämpfen dort, und das Schlachtfeld ist das Herz des Menschen.“ Damit das Gute den Kampf mit dem Bösen gewinnt, müssen wir unser Bewusstsein und unsere Herangehensweisen ändern. Deshalb ist es heute, auf dem Höhepunkt einer Pandemie, an der Zeit, über die existentiellen Werte des Seins nachzudenken. Bei den Zielen für nachhaltige Entwicklung und des ESG-Modells, also der Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführung, geht es nicht nur um Technologien, sondern auch um Würde und Fürsorge.

RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen.

Jewgeni Tugolukow ist ehemaliges Mitglied der russischen Staatsduma und Vorsitzender des parlamentarischen Ausschusses für Ökologie, natürliche Ressourcen und Umweltschutz. Heute ist er Investor und Gründer der medizinischen Holding Medskan und der landwirtschaftlichen Holding Don Agro LLC. Er twittert unter @EvgenyTugolukov.

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