Spekulationen über die Folgen eines russischen „Einmarsches“ in die Ukraine werden immer detailreicher. Am Wochenende „punkteten“ weitere Medien in Deutschland und den USA mit angeblich übermittelten anonymen Erkenntnissen über einen angeblich bevorstehenden russischen Angriff.

Seit mindestens drei Monaten ist der angebliche russische Einmarsch in die Ukraine das Top-Thema im Westen. Lange blieb aber vieles über die russischen Pläne im Nachbarland noch im Ungefähren. Auch über das Ausmaß der bevorstehenden Invasion war man sich lange Zeit nicht einig. Nun liefern zahlreiche Medien aber immer mehr Details zu dem Angriff, der ihnen zufolge neuerdings in diesem Monat stattfinden könnte.

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So zitierte Reuters am Samstag zwei US-Beamte, die behaupteten, dass Russland mittlerweile über 70 Prozent der für eine vollständige Invasion erforderlichen Stärke „in der Region“ zusammengezogen hat. Aufgrund der „Sensibilität der Informationen“ wollten diese Quellen natürlich anonym bleiben.

Für Invasion hätte Russland etwa sechs Wochen Zeit, denn es wird erwartet, dass der Boden um den 15. Februar herum den tiefsten Gefrierpunkt erreicht, so dass russische Militäreinheiten mit Geländefahrzeugen mühelos durchfahren können, so die Beamten. Diese Bedingungen würden bis Ende März anhalten.

„Dieser Zeitplan und die wachsende Zahl und Fähigkeit der russischen Streitkräfte in der Nähe der Ukraine könnten darauf hindeuten, dass sich das Fenster für die Diplomatie schließt“, schreibt Reuters.

Die Nachrichtagentur weist allerdings darauf hin, dass auch diese US-Beamten keine Beweise für ihre Schätzungen vorgelegt hätten. Dennoch werden sie noch weiter ausführlich zitiert: „Wenn Russland in die Hauptstadt Kiew einmarschieren würde, könnte diese innerhalb weniger Tage fallen.“

„Eine groß angelegte Invasion würde zu großen Verlusten führen.“

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Konkret heißt es: Die Ukraine könnte 5.000 bis 25.000 Truppenverluste erleiden, während Verluste russischer Soldaten bei 3.000 bis 10.000 und die unter der Zivilbevölkerung nach US-Schätzungen zwischen 25.000 und 50.000 Menschen liegen könnten, sagte der Beamte. Das Maximum an Verlusten würde damit 85.000 Menschenleben betragen. Eine vollständige Invasion würde nach Ansicht Washingtons auch die Flucht von bis zu fünf Millionen von Flüchtlingen und Binnenvertriebenen in Europa nach sich ziehen.

Auch die Washington Post und die New York Times (NYT) zitierten sogleich die hochrangigen Offiziellen der Biden-Regierung mit den gleichen Daten. Diesen US-Medien zufolge wurden diese Daten den Abgeordneten am Donnerstag während einer sechsstündigen Anhörung im US-Kongress übermittelt. Es wurden verschiedene Szenarien des russischen Einmarsches in die Ukraine durchgespielt – von der „begrenzten“ Invasion in der Ostukraine bis zur vollständigen Okkupation des ganzen Landes.

Was Russland von diesen „Plänen“ hält, soll laut NYT der erste Stellvertreter des Ständigen Vertreters der Russischen Föderation bei der UNO Dmitri Poljanski in einem Twitter-Kommentar ausgedrückt haben:

„Der Wahnsinn und die Panikmache gehen weiter. Was wäre, wenn wir sagen würden, dass die USA London in einer Woche einnehmen und 300.000 zivile Todesopfer verursachen könnten? All dies auf der Grundlage unserer Geheimdienstquellen, die wir nicht offenlegen werden. Würde es sich für Amerikaner und Briten gut anfühlen? Es ist genauso falsch für Russen und Ukrainer.“

Auch die Bild-Zeitung schrieb am Wochenende ausführlich über die russische „Invasion“ und legte einen dreistufigen Plan für Angliederung der Ukraine an Russland vor. Dieser entstamme einem Geheimbericht von den nicht näher genannten ausländischen „Geheimdiensten“, der der Bild-Zeitung vorläge:

„Noch hat der russische Angriff auf die Ukraine gar nicht begonnen, doch Geheimdienste haben bereits jetzt Informationen über die Zeit nach dem großen Krieg und das grausame Marionetten-Regime, das der Kreml in der Ukraine errichten will“, so das Boulevardblatt.

Während der ersten Stufe der Operation plane die russische Armee demzufolge, nach der Vernichtung der ukrainischen Streitkräfte im Feld die großen Städte des Landes einzukesseln und zu belagern.

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„Anschließend würden bereits jetzt eingeschleuste Geheimdienstzellen und Putin-loyale Politiker in den Ortschaften aktiviert und zusätzlich „Geheimdienstagenten in die Städte eindringen“. Sie hätten die Aufgabe, „jeweils prorussische Führungen in den Städten zu errichten“, die anschließend „die Kapitulation und Übergabe“ an die russischen Besatzer vereinbaren würden“, so die Bild weiter.

Die zweite Stufe heißt „Einberufung der Volksrada“.

Diese solle das echte Parlament, die „Werchowna Rada“, ablösen und anschließend für nichtig erklären. Die „Volksrada wird die Marionetten-Legislative der Ukraine werden, gespickt mit sogenannten Vertretern, die zuvor vom russischen Geheimdienst ausgewählt wurden“, schlussfolgert der anonyme „Experte“.

Er weist auf Russlands massive Propaganda-Bemühungen hin, die darauf abzielen, eine russische Invasion, die Übernahme der Ukraine als einen „Unionsstaat“ und deren „Russifizierung“ zu rechtfertigen und zurechtzu“framen“.

Besonders finster mutet die dritte Stufe des Plans an. In dieser Phase würde sich die Marionetten-Regierung hauptsächlich mit der Aufgabe beschäftigen, den Widerstand von Millionen Ukrainern gegen die russische Besatzung zu brechen:

„Wörtlich heißt es in dem Geheimbericht: ‚Die Aufgabe dieses Gremiums wäre die Ausrufung des Ausnahmezustands und, besonders bedrohlich, die Umsetzung des russischen Planes, Lager zu errichten, in die jene Ukrainer aussortiert würden, die sich als nicht kooperativ zeigten.‘

Weiter heißt es in dem Bericht, die ‚Lager zur Inhaftierung proukrainischer Aktivisten‘ würden bereits jetzt geplant und Listen erstellt, wer in die Lager gesperrt würde.

Der Rest der Bevölkerung würde durch den massiven Einsatz russischer und neu etablierter prorussischer Geheimdienste unterdrückt und terrorisiert.“

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Eine vollständige Invasion sei derzeit das wahrscheinlichste Szenario, betonen die Bild-Informanten. Nach Einschätzung des „Geheimdiensts“ würde sie „noch im Februar, spätestens aber im März“ geschehen, „wenn Putin seine Meinung nicht ändert“.

Die von der Bild zitierten zwei Militärexperten haben das Szenario als realistisch eingeschätzt. Auch die Reaktion Russlands wird kurz erwähnt. Die russische Botschaft erklärte auf Bild-Anfrage, es handele sich bei dem Einmarsch- und Putsch-Szenario um „ein merkwürdiges Gemisch aus Spekulationen und Gerüchten“, das „die Botschaft grundsätzlich nicht kommentiert“.

Der deutsch-russische Journalist Alexander Sosnowski sieht nach der Bild-Publikation einen Fall, der vor allem juristisch aufgearbeitet werden sollte.   

„Ich wundere mich, dass diesmal die Bild so einen kurzen ‚Plan‘ veröffentlicht hat. Normalerweise sind seine Fälschungen ausführlicher. Gegen solche Lügen sollte man schon längst juristisch vorgehen. Im Vergleich mit den Äußerungen von Olaf Scholz zum diesem Thema, sehen die Publikationen in der deutschen Presse wie eine Anstachelung aus“, sagte er in einem Medien-Gespräch.

„Der deutsche Ethikrat sollte schon längt aktiv werden und evtl. einen Lizenz-Entzug für manche Medien aussprechen“, fügte er hinzu.

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