77 Jahre nach ihrer Befreiung kam eine Überlebende nach Berlin und wünschte sich, ein halbes Stündchen mit den Nachfahren ihrer Befreier zusammenzutreffen. War das wirklich so viel verlangt?

von Thomas Fasbender

Die Nachricht kam aus der Moskauer jüdischen Gemeinde, wenige Tage vor der Deutschlandreise der 87-jährigen Holocaust-Überlebenden Inge Auerbacher. Vorangegangen war der Wunsch der alten Dame, eine Ausstellung zu besuchen, die am 28. Januar 2022, dem Tag nach ihrer Rede im Deutschen Bundestag, im Berliner Russischen Haus eröffnet werden sollte: „Der Holocaust in den Augen der Künstler“. Der zuständige Kurator, der Petersburger Theater-Regisseur Mstislaw Pentkowski, kennt Auerbacher seit Jahren.

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Auf ihre Anregung hin schreibt er am 21. Januar eine Mail an einen Hansjörg D., einen Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes, den die alte Dame als ihre deutsche Kontaktperson angibt. Darin erzählt Pentkowski von seiner Bekanntschaft mit Frau Auerbacher, von gemeinsamen Projekten in Russland und der Ausstellung in Berlin. Er berichtet, dass die Ausstellung am Morgen des 28. Januar vor der eigentlichen Eröffnung eigens für Frau Auerbacher zugänglich gemacht werde, dass Frau Auerbacher bereits zugesagt habe und dass Herr D. selbstverständlich mit eingeladen sei.

D. antwortet Pentkowski am Tag darauf, ohne jede Anrede, mit dem Satz „Please register here for Bildtermin and contact pressereferat@bundestag“ plus allgemeiner Zugangsregelungen zum Reichstagsgebäude. Zugleich erfährt Pentkowski von Frau Auerbacher, dass sich die Situation nach seiner E-Mail völlig geändert habe. Für einen Besuch des Russischen Hauses gebe es jetzt keine Zeit. Da dort auch ein Zusammentreffen von Frau Auerbacher mit russischen Medienvertretern geplant war, schlägt Pentkowski vor, dieses Treffen zu einem anderen Zeitpunkt in einem Hotel zu veranstalten. Die Antwort von Herrn D. kommt am 24. Januar um 20:32 Uhr: „I am sorry to inform You that a meeting with Inge in the hotel is not possible also due to a very busy schedule of her. Best regards, Hansjoerg.“

Ebenfalls am 24. meldet sich ein deutscher Journalist, den Pentkowski angesprochen hat, telefonisch bei Herrn D. Was er zu hören bekommt, fasst er wie folgt zusammen:

„Die Bundesrepublik Deutschland zahlt für Frau Auerbachers Aufenthalt. Aus dem Grund muss Frau Auerbacher tun, was Deutschland sagt. Oder was im Protokoll steht, und das Protokoll sieht keinen Besuch im Russischen Haus vor.“

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Ich selbst erfahre von dem Vorgang am 25. Januar, dem Dienstag vor ihrer Bundestagsrede. Am Mittwoch rufe ich bei Frau Auerbacher an. Wir sprechen Englisch, und ich höre die Stimme einer klugen, wachen und sehr lebenserfahrenen Frau. Sie bestätigt, dass sie die Ausstellung im Russischen Haus besuchen und auch russische Pressevertreter treffen möchte. Aber sie sagt auch: „I am not allowed.“ Wörtlich. „I am not allowed.“ Sie sagt es immer wieder, ein halbes Dutzend Mal. „I am not allowed.“ Und auf meine Frage nach dem Warum: „It’s the protocol.“ Und dann noch: „It’s the Russia thing, the politics.“ Das einzige Treffen mit einem Russen, das man ihr zugestehe, sei mit dem Botschafter im Bundestag. Wohlgemerkt ohne Kameras, fügt sie hinzu. Als ich sie nach ihrer deutschen Kontaktperson frage, sagt sie: Herr D.

Als Nächstes rufe ich im Bundestag an. Pressestelle. Deren schriftliche Auskunft ist eindeutig:

„Sehr geehrter Herr Fasbender, der Deutsche Bundestag hat Frau Auerbacher als Gedenkrednerin für die Gedenkstunde am 27. Januar eingeladen. Über Termine, die sie darüber hinaus wahrnehmen möchte, entscheidet sie selbst.“

Schließlich ist Herr D. an der Reihe. Guten Tag, Fasbender, RT DE. Wer ist denn nun für das Rahmenprogramm zuständig, frage ich ihn. Das Protokoll, sagt er. Der Bundestag. Die hätten Frau Auerbacher eingeladen. Er selbst sei im Übrigen nur die Begleitperson, sonst nichts. Ich berichte, was der Bundestag mir mitgeteilt hat: keine Zuständigkeit für Termine außerhalb. Herr D. bleibt dabei: das Protokoll. Welches Protokoll, frage ich ihn. Das vom Bundestag? Das vom Auswärtigen Amt? Ein anderes? Nein, sagt er, das Protokoll.

Franz Kafka oder Deutschland 2022? Mag sein, dass ich einen Moment gehofft habe, die Anrufe aus Moskau, die des Journalisten, meine Anrufe … dass die etwas bewegen. Dass es vielleicht doch möglich wird. Es wurde nicht. 77 Jahre nach ihrer Befreiung kam eine Überlebende nach Berlin und wünschte sich, ein halbes Stündchen mit den Nachfahren ihrer Befreier zusammenzutreffen. War das wirklich so viel verlangt? Die Nachfahren der Täter saßen am längeren Hebel.

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