Untersuchungen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe ergeben, dass sich die Situation für Menschen, die an Depressionen leiden, durch die Corona-Maßnahmen deutlich verschlechterte. Ulrich Hegerl, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung, kritisiert, dass entsprechende Daten zu Suizidversuchen nicht erfasst werden.

In der Corona-Krise hat sich die Situation für Menschen, die unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen leiden, durch die staatlichen Maßnahmen deutlich verschlechtert. Zahlreiche Universitäten berichten beispielsweise, dass der Bedarf an psychologischer Unterstützung der Studenten während der Krise drastisch zugenommen hat. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, erklärte nun im Interview mit der Welt, dass die Situation für Studenten keine Ausnahme sei.

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Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hatte zu verschiedenen Zeitpunkten vor und während der Corona-Krise jeweils mehr als 5.000 Erwachsene befragt. Dabei zeigte der Anteil der Personen, die angaben, dass bei ihnen bereits einmal eine Depression diagnostiziert wurde, keine sehr deutliche Steigerung zeigte. Er schwankt zwischen 21 und 23 Prozent. Wie Hegerl erklärte, sei dies nicht ungewöhnlich:

„Depressionen sind eigenständige Erkrankungen, die weniger von äußeren Belastungsfaktoren abhängen, als man denkt. Wer keine Veranlagung hat, rutscht selbst in schwierigen Zeiten nicht in die Depression.“

Anders sehe die Situation bei Menschen aus, die in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden. Im Deutschland-Barometer Depression gaben 72 Prozent der erkrankten Befragten an, dass sich in den vergangenen sechs Monaten ihre Erkrankung durch die Maßnahmen gegen Corona deutlich verschlechtert haben. 29 Prozent haben einen Rückfall erlitten, 20 Prozent entwickelten Suizidgedanken und bei 35 Prozent hat die Schwere der Depression zugenommen.

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Dabei müsse man bedenken, dass eine Depression eine lebensbedrohliche Krankheit sei, die das Leben im Schnitt um zehn Jahre verkürze, daher sei eine Verschlechterung bei zwei Millionen Menschen, die laut Hochrechnung unter einer Verschlimmerung ihrer Depression leiden, „eine Katastrophe“. Auch der Zusammenhang zur Corona-Krise sei offenkundig: Viele Betroffenen hätten beispielsweise angegeben, dass sich ihre medizinische Versorgung verschlechtert habe, ambulante Termine und stationäre Behandlungen seien abgesagt worden. Der Rückzug in die eigenen vier Wände hatte für die Betroffenen ebenfalls negative Folgen. Zudem wurde weniger Sport getrieben, obwohl dieser oft unterstützend bei der Bekämpfung einer Depression wirkt. Auch ein unregelmäßiger Tagesablauf mit vermehrtem Grübeln wirke sich negativ aus.

Angesichts dessen fordert Hegerl, dass man systematisch erfassen und auswerten müsse, was die Corona-Maßnahmen an Leid und Tod verursacht haben. Dies gelte nicht nur für den Bereich Psychiatrie, wie Hegerl der Welt erklärte:

„Auch ein Arzt muss immer die Nebenwirkungen sorgfältig beachten. Beispielsweise wissen wir momentan gar nicht, wie sich die Zahl der Suizidversuche verändert hat. Diese und weitere Daten müssen dringend von einem multiprofessionellen Expertenteam gesammelt und ausgewertet werden.“

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Informationen:

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe bietet auf ihrer Homepage Informations- und Hilfsangebote für von Depressionen betroffene Personen. Zudem stellt die Stiftung das deutschlandweite Infotelefon Depression zur Verfügung: 0800 3344533.





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