Eine der bekanntesten russischen Opern ist nach fulminantem Erfolg vor fünf Jahren wieder an der Berliner Komischen Oper zu erleben. „Jewgeni Onegin“ unter der Regie des Intendanten Barrie Kosky setzt Maßstäbe und regt zur Diskussion mit Schülern über die Gesellschaftsnormen an.

von Wladislaw Sankin 

Der Versroman „Jewgeni Onegin“ des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin ist für die russische Literatur eine Art unantastbare Heilige Schrift. Das im Jahr 1825 publizierte Werk hob Russisch in den Rang einer Literatursprache und war der erste modern-realistische Roman Russlands, angefüllt mit gesellschaftskritischer Ironie.

Es wurde auch zu einer Besonderheit der russischen Musikszene, dass Komponisten seit den Zeiten von Puschkins Zeitgenossen Michail Iwanowitsch Glinka Inspiration für ihr Opernmaterial vor allem in der russischen klassischen Literatur suchten. Seit Glinkas „Ruslan und Ljudmila“ war Puschkin die erste Adresse, an die sie sich wendeten.

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Der Komponist Pjotr Iljutsch Tschajkowski las Puschkins Roman erst im Jahr 1877 als bereits bekannter Komponist – in einer Nacht, nachdem ihm von einer befreundeten Sängerin geraten wurde, seine nächste Oper auf Grundlage von „Jewgeni Onegin“ zu schreiben. Er war vom Material fasziniert und machte sich sofort an die Arbeit, die von persönlichen Krisen jener Zeit wie etwa einer kürzlich gescheiterten Ehe begleitet wurde.

Tschaikowski wollte es radikal anders machen als die Operngrößen im damaligen Europa Wagner und Verdi. Die wagnersche Mythenwelt schien ihm lebensfern zu sein, Dialoge der Protagonisten schrecklich lang. Aber auch mit Verdis „Leierkastenmusik“, wie er selbst einmal sagte, konnte Tschaikowski wenig anfangen. „Ich pfeife auf Effekte“, schrieb der Komponist, wohl Opern wie Verdis „Aida“ meinend.

„Ich brauche Menschen und keine Puppen; ich nehme mich gerne einer jeden Oper an, in der Wesen wie ich ein Gefühl erleben, das auch von mir erlebt wurde und mir verständlich ist.“

Mit seiner Fokussierung auf das Leben „echter Menschen“ schuf Tschaikowski eines der ersten realistischen Werke der Operngeschichte oder um mit dem Intendanten der Berliner Komischen Oper Barrie Kosky zu sprechen, eine „Beziehungsoper“. Ein neues Musiktheater ist dabei entstanden, in dem die Motivationen des Erzählens, also die Gefühle, zugleich ihr Gegenstand sind (Simon Berger). Am 31. Januar 2016 feierte die von Kosky selbst inszenierte „Jewgeni Onegin“ an der Komischen Oper ihre Premiere. Die Reaktionen waren überwältigend.

Der Kritiker Alexander Hildebrand schrieb in der Opernwelt:

„Jewgeni Onegin an der Komischen Oper ist ein Genuss für Augen und Ohren. Nie war verschmähte Liebe so unterhaltsam! Barrie Kosky inszeniert das bekannteste Werk von Tschaikowski einfallsreich und bildstark.“

Die Zeitung Welt prophezeite:

„Onegin wird bleiben. Es ist Referenzregie.“

So ist es auch gekommen, denn seitdem gehört das Werk zum festen Repertoire des Hauses. Von der ersten Vorstellung an wurde das Werk zum Publikumserfolg. Die Produktion war eine Koproduktion mit dem Opernhaus Zürich, wo sie ebenfalls zu erleben war. Im Sommer 2019 war sie zu Gast beim Edinburgh International Festival. Am Ort ihrer Uraufführung war sie Anfang 2019/20 zuletzt auf dem Spielplan. Seit Donnerstag ist Tschaikowskis Meisterwerk wieder in der Behrenstraße in Berlin-Mitte zu erleben. Auf ihrer Webseite bewirbt die Komische Oper die „lyrischen Szenen“, so wie der Komponist seine Oper selbst zu nennen pflegte:

„In überwältigenden Naturbildern und mit viel Liebe zu kleinsten Details inszeniert Barrie Kosky Tschaikowskis melancholisches Seelendrama über die Hoffnungen, Sehnsüchte und das Scheitern von vier jungen Menschen, die am Ende erkennen müssen: Zum Fassen nahe war das Glück!“

Dieses vermeintliche Eigenlob ist keineswegs übertrieben. In der Tat, an diesem seit zwei Jahren ersten Tschaikowski-Abend ist nicht nur die bezaubernde Musik des russischen Komponisten zu hören, sondern auch das zu erleben, was ein modernes psychologisches Theater ausmacht: Ein fein gezogener Faden durch das Innenleben drei junger Protagonisten, des anfangs arroganten Dandy Jewgeni Onegin, des jungen Poeten Wladimir Lenski und der anfangs introvertierten Provinzschönheit Tatiana Larina. Die sich aufbauende Spannung, geht buchstäblich unter die Haut, wie etwa der Schauder, der die Zuschauer beim Warten auf den unsichtbaren Duellschuss Onegins auf seinen Freund Lenski ergreift. Anders als bei Puschkin und den traditionellen Aufführungen der Oper, wird diesmal auch Tatiana zur stummen Zeugin der Tragödie, was die Dramatik der Szene fast ins Unerträgliche bringt. 

Zahlreiche solcher Einfälle sollten dem Regisseur zufolge zu dem Effekt führen, dass die Zuschauer beim Verlassen einer „Jewgeni Onegin“-Vorstellung nicht über die Inszenierung selbst, sondern über die Protagonisten und ihre Beziehungen zueinander sprechen. Dieses Anliegen ist gelungen.

Gesprächsstoff ist reichlich vorhanden, nicht nur über die Protagonisten, deren Entwicklung über Jahre hinweg der Regisseur sehr eindrucksvoll aufzeigt. Vor den Augen der Zuschauer spielt sich ein großes Drama der russischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts mit ihrer christlichen Moral, dem Gegensatz von Stadt und Land und den Stereotypen der Protagonisten als Ausdruck einer Gesellschaftsordnung und Überlegungen über das schon damals atavistische Duell ab. Einem Duell fiel auch der Romanautor Puschkin selbst zwölf Jahre nach der Veröffentlichung seines Romans zum Opfer.

Die Komische Oper leitet aus dieser gesellschaftlichen Dimension auch einen pädagogischen Ansatz ab, den sie Schülern ab der 9. Klasse anbietet: „‚Satisfaktion!‘ – ausgehend von der heute unvorstellbaren Tat um der gesellschaftlichen Ehre willen, dem Duell, können die Schüler den gesellschaftlichen Rahmen Russlands, in dem diese Oper spielt, durch das Lesen von Berichten erkunden.“

Es werden Workshops angeboten, die den Schülern beibringen, ihre emotionalen Verstrickungen und Entwicklungen sowie die Musik miteinander in Beziehung zu setzen und über den Ehrbegriff in Geschichte und Gegenwart zu diskutieren.

Der Ansatz füllt sich mit Leben. Auch in dieser Saison waren unter den Zuschauern mehrere Schülergruppen zu sehen – ein für eine Opernaufführung recht seltener Anblick. Ansonsten waren unter den Gästen auch jene, die „Jewgeni Onegin“ unter Koskys Regie zum wiederholten Mal besuchten – schließlich auch ihretwegen wurde die Erfolgsproduktion des Jahres 2016 in dieser Saison wieder aufgenommen.

Die nächsten Spieltermine sind am 19. und 27. Februar und 8. März.

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