Zwischen der Anzahl der gegen COVID-19 verabreichten Impfungen und der Zahl der ausgestellten digitalen Impfnachweise soll eine enorme Lücke von über 42 Millionen klaffen. Die Gründe dafür können Ärztevertreter und das Robert-Koch-Institut aber nicht schlüssig erklären.

Üblicherweise gab und gibt es nach der Impfung gegen COVID-19 einen Stempel neben der Chargen-Nummer in den gelben Impfpass. Damit können sich Geimpfte in Apotheken ein digitales Impfzertifikat ausstellen lassen.

Schon öfters wurden in der Öffentlichkeit die Möglichkeiten des Missbrauchs diskutiert, die diese Form des Impfnachweises bietet. Inzwischen soll es allerdings deutlich mehr Impfzertifikate als Impfungen geben. Doch es hapert an der eindeutigen Registrierung der Impfungen, wie der Sender n-tv berichtet.

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Demnach sollen in Deutschland seit Beginn der Impfkampagne vor über einem Jahr über 42 Millionen Impfzertifikate mehr ausgestellt worden sein, als Injektionen durchgeführt wurden. Die Neue Osnabrücker Zeitung (NOZ) erfuhr vom Bundesgesundheitsministerium, dass bis zum Freitag, dem 22. Januar, fast 205 Millionen digitale Impfzertifikate nach Corona-Impfungen erteilt worden sein sollen. Das Ministerium hatte bis zum letzten Montag allerdings nur gut 162 Millionen Dosen für Erst-, Zweit- und Boosterimpfungen registriert. Daraus ergibt sich eine Differenz von über 42 Millionen.

Ministerium wiegelt ab

Im Gesundheitsministerium zeigte man sich darüber nicht irritiert. Weder deuteten die enorm auseinanderklaffenden Zahlen auf gefälschte Impfpässe noch auf eine Untererfassung der Impfungen hin. Gegenüber der NOZ äußerte ein Sprecher des Ministeriums, es gebe dafür „verschiedene Gründe“. So seien

„insbesondere zu Beginn der Anwendung viele Zertifikate automatisch durch Impfzentren erstellt und an die geimpften Personen geschickt“

worden, wobei die Geimpften sich in der Zwischenzeit häufig selbst ein Zertifikat in einer Apotheke hätten ausstellen lassen. Außerdem sei es möglich, dass Zertifikate

„auch mehrfach ausgestellt werden, wenn beispielsweise eine Person ihr Zertifikat verliert“.

Während die mehrfache Ausstellung von Nachweisen aufgrund praktischer Notwendigkeiten plausibel erscheint, klingt es unwahrscheinlich, dass die ausgestellten Zertifikate millionenfach abhandengekommen sein sollen – gerade weil sie so wichtig in beruflichen und Alltagsdingen sind.

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Hinzu kommt, dass sich die Differenz zwischen der Anzahl der Impfungen und der Zertifikate in letzter Zeit noch weiter vergrößert hat. Wie das Ministerium mitteilte, sollen bis Mitte Dezember 2021 über 162 Millionen digitale Impfzertifikate ausgestellt worden sein. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI), das Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) unterstellt ist, seien jedoch nur gut 137 Millionen Impfdosen verabreicht worden. Das bedeutet, dass noch bis Mitte Dezember 2021 eine Diskrepanz von lediglich knapp 26 Millionen bestand, im Unterschied zu den erwähnten bereits 42 Millionen im Januar 2022. Sollte die Impfkampagne über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel etwa so erfolgreich gewesen sein?

Ärzte und RKI geben sich ahnungslos

Für die Impfungen gegen COVID-19 in den Arztpraxen ist organisatorisch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) zuständig. Die KBV teilte jedoch mit, dass auch sie sich die Diskrepanz nicht erklären könne:

„Wir gehen auf Basis der vertragsärztlichen Abrechnungsdaten davon aus, dass eine Untererfassung durch das digitale Impfquoten-Monitoring (DIM) nicht generell gegeben ist und [diese] damit die dargestellte Lücke nicht erklären kann“,

sagte ein Sprecher der Ärztevereinigung gegenüber der NOZ.

„Um diese Lücke zu erklären, sind vertiefende Analysen der Daten zur Zertifikatsausstellung nötig, die aktuell nur das Robert-Koch-Institut durchführen kann“,

so der Ärztesprecher weiter.

Keine Erklärung und keinen Kommentar gab es vom RKI – dort verwies man auf das übergeordnete Bundesgesundheitsministerium.

Kritische Töne waren jedoch von den Oppositionsparteien im Bundestag zu hören. Kathrin Vogler, gesundheitspolitische Sprecherin der Linksfraktion, wies darauf hin, dass nicht jeder Geimpfte auch ein digitales Impfzertifikat besäße, vermutlich erst recht nicht alle Hochbetagten:

„Das schreit nach weiterer Aufklärung. Die Bundesregierung muss dringend für Klarheit sorgen. … Dann wäre bei mehr als jeder vierten Impfung etwas schiefgelaufen.“

Ähnliche Kritik kam auch aus der AfD-Fraktion. Ihr Sprecher für Arbeit und Soziales, René Springer, sagte der NOZ:

„Die enorme Diskrepanz zwischen den Impfzahlen des RKI und den digitalen Impfzertifikaten zeigt einmal mehr das Daten-Chaos bei der Bundesregierung.“

Alles in allem dürfte dieses Durcheinander das Vertrauen in ein erst noch zu schaffendes Impfregister nicht gerade stärken. Das Register gilt jedoch als Voraussetzung dafür, eine Impfpflicht durchsetzen zu können – von allen datenschutzrechtlichen und medizinischen Einwänden einmal abgesehen.

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