Von Daniel Weinmann

Während der Impfstoff, der den Weg aus der Pandemie ebnen und den Bundesbürgern zumindest Teile ihrer Freiheit zurückgeben soll, noch immer nur bedingt zugelassen ist, hat der Einfallsreichtum der Impf-Adepten ein neues Level erreicht.

Es handelt sich um eine besondere Spezies einer Drückerkolonne, die man bisher vornehmlich als Haustürverkäufer von Versicherungen, Strom- oder Gasverträgen kannte. Bei den sogenannten Impflotsen stehen hingegen Ungeimpfte im Mittelpunkt, die es vom Nutzen der COVID-19-Vakzine zu überzeugen gilt. Sie sind im Auftrag von Karl Lauterbach unterwegs, der zuletzt schon den Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel bemühte, um seine ureigene Sichtweise zu untermauern: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“, postulierte der Bundesgesundheitsminister kürzlich im Bundestag. Gemeint ist jene Freiheit, die in seinen Augen nur über die Impfung erreicht werden kann – Orwellsches Neusprech in Reinstform.

Des SPD-Politikers Vasallen tragen schwarze Westen und Taschen, auf denen der neongelbe Schriftzug „Impflotsen“ prangt. Viele von ihnen haben Migrationshintergrund und können ihre Klientel somit auch in arabisch, persisch oder auf Hindi von den Wohltaten der Vakzine überzeugen.

Die Impflotsen haben – wie könnte es anders sein – eine „qualifizierte Schulung“ durchlaufen. Und sie gehen dorthin, wo sich die Menschen im Alltag aufhalten: In den Supermarkt, in Kindergärten und zu Corona-Teststellen. Mitunter läuten sie auch zuhause bei den Ungeimpften – oder unterstützen bei Impfaktionen, etwa wenn Impfbusse unterwegs sind.

»Es geht um Aufklärung, um Ansprache auf Augenhöhe«

Ihr Credo: Jeder Piks zählt. Darum wollen sie vor allem aufklären und Ängste nehmen. Ungeimpfte sollen sich bei ihnen wohlfühlen. „Wir können sie auch zum Impfzentrum begleiten“, sagt einer, der seinen Namen nicht in der Öffentlichkeit lesen will. Er setzt alles daran, seinem impfkritischen Gegenüber zu verdeutlichen, dass er schwer krank wird, wenn er die Impfung ablehnt.

„Es geht um Aufklärung, um Ansprache auf Augenhöhe“, sagt der Mittdreißiger. Die Gespräche verlaufen nicht immer zu seiner vollsten Zufriedenheit. Bisweilen seien sie anstrengend, manchmal auch aggressiv – und leider eher selten erfolgreich. Doch darüber kommt er hinweg, denn es ist eine gute Sache – schließlich geht es um die Gesundheit“. Es klingt wie einst in der DDR, wo anlässlich der Wahlen auch ehrenamtliche Helfer von Wohnung zu Wohnung gezogen sind und die Menschen zu den Wahlen „begleitet“ haben.

Böse Zungen behaupten, Impflotsen seien die Kompensation zum unterdrückten Karneval. Als Realsatire par excellence erscheint zumindest, dass Impflotsen mit Migrationshintergrund Ungeimpfte aufklären sollen, die nach Meinung der Mainstream-Medien größtenteils Mitglieder der AfD oder gleich Nazi sind.

Ein Vorschlag zur Weiterentwicklung der Impflotsen-Idee: Die ehrenamtlichen Impfhelfer könnten den Pizzaboten begleiten. Denn der italienische Essensdienst auf Rädern dürfte vermutlich viele Ungeimpfte zu seinen Kunden zählen, da diese ja in Restaurants unerwünscht sind. Vielleicht lassen sie sich sogar mit einer kostenlosen Pizza ködern. Mit einer Gratis-Bratwurst auf Kosten des Steuerzahlers ließ sich ja schon der ein oder andere zusätzliche Piks gewinnen.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Maria Symchych/Shutterstock
Text: dw

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