Von Daniel Weinmann

Seit Beginn der Coronakrise gibt es deutlich mehr Gewalt in Partnerschaften und der Familie. „Die Prognose, dass häusliche Gewalt mit der Pandemie und dem Lockdown zunimmt und dass das mit einem Verzögerungseffekt deutlich wird, hat sich bestätigt“, sagte erst vor wenigen Wochen der Bundesvorsitzende des Weißen Rings, Jörg Ziercke.

Ein realistisches Bild wiederzugeben ist gleichwohl kaum möglich. Denn viele Fälle häuslicher Gewalt, die sich vor allem gegen Frauen und Kinder richtet, werden nicht erfasst. Eine Reihe neuerer empirischer Studien, die auf Polizeistatistiken basieren, spiegeln vor diesem Hintergrund lediglich die geringe Neigung von Opfern wider, Gewalttaten anzuzeigen. Die tatsächlich gestiegene Rate häuslicher Gewalt wird dadurch verschleiert. Erschwerend kommt hinzu, dass die Lockdowns dazu geführt haben, dass Betroffene mit ihren gewalttätigen Partnern zu Hause isoliert waren und daher kaum in der Lage waren, Gewalttaten bei der Polizei anzuzeigen.

Modifizierter Ansatz offenbart verstörende Ergebnisse

Um den tatsächlichen Effekt zu bestimmen, entwickelte das Münchener ifo-Institut einen modellbasierten Algorithmus, der die Veränderungen der Häufigkeit von häuslicher Gewalt auf der Grundlage von Internetsuchdaten misst.

Dabei verwendeten die Ökonomen 35 unterschiedliche Google-Suchbegriffe. Diese stammen aus einer Analyse, die zwischen 2015 und 2020 klar erkennbare Zusammenhänge der Häufigkeit dieser Suchbegriffe und den amtlichen Kriminalstatistiken der London Metropolitan Police offenbarte. Gut vergleichen lassen sich diese Datensätze, weil sie tagesaktuell abrufbar sind. London bot sich an, weil dort die Daten in der Regel sehr schnell vorliegen und somit aktueller sind als etwa jene von deutschen Polizeidienststellen.

Zwischen April 2015 und Ende Dezember 2019, also vor dem Ausbruch der Corona-Krise, fanden die Forscher einen hohen Zusammenhang zur amtlichen Kriminalstatistik. Nach dem Lockdown stiegen die Suchzahlen zur häuslichen Gewalt in London jedoch signifikant stärker an als die Zahl der Anzeigen bei der dortigen Polizei. Auf Basis seines suchbasierten Index stellte das ifo-Institut im März 2020 einen Anstieg der Rate von häuslicher Gewalt um 40 Prozent fest.

Polizeidaten vermitteln kein genaues Bild

„Dieser Effekt ist sieben- bis achtmal stärker als der durch Polizeidaten gemessene Anstieg“, schreiben die Studienautoren Dan Anderberg, Helmut Rainer und Fabian Siuda.

„Unsere Studie verdeutlicht, dass Analysen, die ausschließlich auf Polizeidaten beruhen, kein genaues Bild vom Ausmaß und dem Anstieg des gesellschaftlichen Problems häuslicher Gewalt während Krisen wie Covid-19 vermitteln“, resümieren die Wissenschaftler. Die Verwendung ergänzender Datenquellen, die weniger anfällig für ein verändertes Meldeverhalten von Betroffenen sind, sei bei solchen Bewertungen besonders relevant.

Zwar sei die Größenordnung der Ergebnisse aus London nicht so einfach auf Deutschland übertragbar, räumt Studienautor Rainer ein. Man dürfe aber davon ausgehen, dass die Polizei-Statistiken den tatsächlichen Anstieg der häuslichen Gewalt unterschätzen.

Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Daniel Weinmann arbeitete viele Jahre als Redakteur bei einem der bekanntesten deutschen Medien. Er schreibt hier unter Pseudonym.

Bild: Shutterstock
Text: dw

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