Ein Gastbeitrag von Norbert Häring

Es gibt eine Petition nicht geimpfter Pflegekräfte an den Bundestag gegen die ab 15. März beschlossene Impfpflicht. Diese bringt spätestens unter Omikron-Bedingungen in Sachen Ansteckungsvermeidung nichts mehr, droht aber, den Pflegenotstand nochmals massiv zu verschärfen – zum Schaden der zurückbleibenden Pflegekräfte und von uns, falls wir krank werden, und unserer pflegebedürftigen Angehörigen. Das Quorum ist erreicht, aber es ist wichtig, dass unsere Parlamentarier sehen, wie viel Unterstützung die Pflegekräfte haben.

Stand 15.1. haben 67.685 Menschen unterzeichnet. Die Petition läuft noch 12 Tage. Ein sechsstelliges Ergebnis muss drin sein.

Hier geht‘s zur Petition:

„Keine Covid-Impfpflicht für das Pflegepersonal/Bereitstellung einer sinnvollen Teststrategie vom 19.11.2021“.

Hier ein Auszug aus der Forderung und der Begründung, die ich beide mit Überzeugung unterstütze und unterzeichnet habe:

Wir fordern, dass die Covid-Impfpflicht NICHT durchgesetzt wird. Stattdessen sollte eine sinnvolle Teststrategie überarbeitet werden.

Begründung

Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass unser Gesundheitssystem schon seit geraumer Zeit am Limit ist. Mit Ihrer formulierten Impfpflicht werden Sie dafür sorgen, dass das System kollabiert, sprich, weitere Betten aufgrund von Personalmangel abgebaut werden und das verbliebene Personal über die Belastungsgrenze hinaus arbeiten muss. DENN, wir widersprechen eindeutig dieser formulierten Impfpflicht und werden im Falle des Eintretens unsere Arbeit niederlegen müssen.

Eine Impfung, die weder vor Ansteckung noch Transmission des Virus schützt und lediglich einen milden Verlauf verspricht, kann nicht Gegenstand einer Pflicht werden. Jüngst zeigen Stationsschließungen aufgrund von Covidausbrüchen unter den geimpften Mitarbeitern mit nachfolgender Infektion der zu betreuenden Patienten, dass die Impfung ohne Testung des Personals eben nicht die vulnerablen Gruppen schützt. Im Gegenteil. Das Personal wog sich in trügerischer Sicherheit und erschien ohne Test, der für uns ungeimpfte Mitarbeiter schon längst zur täglichen Routine geworden ist.

Sie müssen sich darüber im Klaren sein, dass Sie mit dieser Impfpflicht den Bürgerinnen und Bürgern medizinisch fundierte Therapien und respektvolle Pflege verwehren werden, das System wird weiteren Personalmangel nicht kompensieren können! (…).

Es gibt außerdem auch noch die Petition „Keine allgemeine Corona-Impfpflicht vom 06.12.2021“, die sich ebenfalls zu unterzeichnen lohnt. Sie ist noch 16 Tage offen und hat bisher 59.101 Mitzeichner und Mitzeichnerinnen. Ich persönlich bin zwar geimpft, habe aber gar keine Lust, mich alle paar Monate zu einer sehr begrenzt wirksamen und riskanten Nachimpfung nötigen zu lassen. Deshalb – und aus Solidarität mit Menschen, die sich nicht gegen Covid impfen lassen wollen – , habe ich unterzeichnet (auch wenn mich die Verwendung von dummen Kampfbegriffen wie „Rechtsgesinnten“ stört. (Ich verorte mich zwar links, aber „rechts“ ist für mich kein Schimpfwort.) Auszug:

Nach Artikel 2 Abs. 2 unseres Grundgesetzes hat jeder das Recht auf körperliche Unversehrtheit, und die Freiheit der Person ist unverletzlich.

Menschen, die sich an alle zum Schutz der Allgemeinheit beschlossenen Regeln (Abstand, Maskenpflicht, Kontaktbeschränkungen) halten, dürfen nicht mit Corona-Leugnern oder Rechtsgesinnten zusammen „abgestempelt“ werden, nur weil sie sich gegen das Impfen entschieden haben.

Der Artikel 18 sichert allen das Recht auf freie Meinungsäußerung zu.

Unser Bundestag setzt sich aus gewählten Volksvertretern zusammen, deren Aufgabe es ist, die Anliegen des gesamten Volkes zu vertreten. Wichtige Merkmale einer Demokratie sind u. a. der Minderheitenschutz (dazu zählen auch Menschen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht impfen lassen wollen) und die Akzeptanz von Opposition.

David gegen Goliath

Gastbeiträge geben immer die Meinung des Autors wieder, nicht meine. Und ich bin der Ansicht, dass gerade Beiträge von streitbaren Autoren für die Diskussion und die Demokratie besonders wertvoll sind. Ich schätze meine Leser als erwachsene Menschen, und will ihnen unterschiedliche Blickwinkel bieten, damit sie sich selbst eine Meinung bilden können.

Norbert Häring (Jg. 1963) arbeitet und lebt in Frankfurt am Main. Er ist promovierter Volkswirt, Wirtschaftsjournalist und Buchautor (zuletzt: „Endspiel des Kapitalismus“). Er beitreibt den Blog „Geld und mehr“, wo dieser Beitrag zuerst veröffentlicht wurde. Aktuell erschien sein Buch „Endspiel des Kapitalismus„.

Bild: Shutterstock
Text: Gast

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