Vor zwei Jahren ermordeten die USA eine iranische Ikone, den General Qassem Soleimani. Iran fordert seitdem, dass die internationale Gemeinschaft die USA, die für dieses Verbrechen verantwortlich sind, zur Rechenschaft zieht. Verweigert man dies, wird Iran keine andere Wahl haben, als seinen eigenen Weg zu gehen, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Ein Kommentar von Scott Ritter

Im vergangenen November wurde in den Vereinigten Staaten des 58. Jahrestages der Ermordung von Präsident John F. Kennedy gedacht. Die Tatsache, dass die meisten Menschen, die jenen Tag noch erlebt haben, längst von uns gegangen sind, hielt die Nation nicht davon ab, sich an diesen schrecklichen Tag in Dallas zu erinnern, an dem ein Attentat das Leben einer amerikanischen Ikone auslöschte.

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Die USA und die US-Amerikaner haben sich auf verschiedene Weise mit den Folgen dieser Tragödie auseinandergesetzt, vom Gedenken an das Leben von JFK bis hin zum Schüren von Verschwörungstheorien über die Umstände des Attentats, und noch vieles mehr dazwischen. Es besteht grundsätzlich eine Einigkeit darüber, dass Lee Harvey Oswald der Mann war, der den Abzug des Gewehrs betätigte, mit dem Kennedy ermordet wurde. Und angesichts von Oswalds anschließendem Tod vor laufenden Kameras durch die Hand von Jack Ruby, wurde das Element der Rache aus der Bandbreite der Emotionen entfernt, die das amerikanische Volk nach Kennedys Ermordung durchlief.

Man stelle sich aber für einen Moment vor, an diesem schrecklichen Tag im November 1963 wäre ein amerikanischer Staatslenker ermordet worden, der die Inspiration eines Kennedy verströmte, gleichzeitig auch ein militärischer Kommandeur mit der Statur eines Dwight Eisenhower war und zudem die heroischen Leistungen eines hochdekorierten Kriegshelden vorzuweisen hatte. Und dass dieser nicht nicht von einem einzelnen Attentäter, sondern vom Militär einer fremden Macht ermordet worden wäre, die zudem noch öffentlich über diese „Leistung“ jubelt und diesen amerikanischen Helden als einen „Terroristen“ bezeichnet. Das Bedürfnis nach Rache würde alle und alles erfassen und das amerikanische Volk würde nicht eher ruhen, bis die Täter vor Gericht gestellt würden.

Dies ist keine hypothetische Spekulation, wie der Fall von Osama bin Laden zeigt, der fast ein Jahrzehnt nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 für seine mutmaßliche Verantwortung dafür zur Rechenschaft gezogen wurde. Jeder Politiker, der es gewagt hätte, in einer Diskussion über die Notwendigkeit einer Vergeltung ein Mindestmaß an Vernunft einzubringen – seine Karriere wäre auf der Stelle zu Ende gewesen.

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Am 3. Januar 2020 ermordeten die Vereinigten Staaten General Qassem Soleimani, den Kommandeur der Quds-Elitetruppen, eine iranische Ikone, also das persische Äquivalent von John F. Kennedy, Dwight D. Eisenhower und dem hochdekorierten Kriegshelden, eine einzigartige Persönlichkeit, dessen Bekanntheit und Ruf unter den Iranern unübertroffen war. Die Ermordung von Soleimani schockierte die Iraner auf dieselbe Weise wie die Ermordung von JFK oder die Terroranschläge vom 11. September 2001 das US-amerikanische Volk schockiert hatten.

Am 25. November 1963 säumten etwa 300.000 US-Bürger die Straßen von Washington, um die Prozession mit dem Sarg von JFK während seines Staatsbegräbnisses zu sehen. Millionen Iraner säumten die Straßen der großen iranischen Städte und entlang der Autobahnen, um den Konvoi mit dem Sarg zu sehen, der die Leiche Soleimanis zu seiner letzten Ruhestätte brachte.

Am zweiten Jahrestag der Ermordung von Soleimani gingen erneut Millionen von Iranern auf die Straßen der iranischen Städte, um der Ermordung eines Nationalhelden zu gedenken. In Teheran beschrieb Präsident Ebrahim Raisi General Soleimani als „nicht nur ein menschliches Individuum, sondern eine Glaubenslehre, und Glaubenslehren können nicht durch ein Attentat und Raketen zerstört werden – Glaubenslehren bleiben, und sie überleben“. In einem separaten Treffen mit der Familie von Soleimani erklärte der Oberste Führer Irans, Ajatollah Ali Chamenei, dass Soleimani „die nationalistischste und religiöseste Person in Iran und in der Welt des Islam war – und immer noch ist.“

In den USA hingegen wachten die meisten Amerikaner am Morgen des 3. Januar auf und wussten nichts von der Trauer, die Tausende von Kilometern entfernt herrschte. Sie wussten auch nichts über das brennende Verlangen nach Rache, das im Herzen praktisch eines jeden iranischen Bürgers brennt. Wenn Soleimani an dem Tag in den amerikanischen Medien überhaupt erwähnt wurde, dann nur nebenbei und begleitet von Einlassungen, mit denen er zum Terroristen verunglimpft wurde.

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Die absolute Unfähigkeit der US-Amerikaner, sich in Nicht-Amerikaner einzufühlen, ist eines der grundlegenden Versagen der US-amerikanischen Gesellschaft. Wenn das amerikanische Volk seine Emotionen über die Ermordung von JFK oder über die Anschläge vom 11. September auf die Umstände der Ermordung von Qassem Soleimani projizieren könnte, dann würde es den möglichen Konsequenzen von Handlungen, die in seinem Namen begangen wurden, vielleicht nicht so unbekümmert begegnen. Die Tatsache, dass sich das amerikanische Volk nicht mit dem Leiden der iranischen Nation im Hinblick auf den Tod eines Mannes identifizieren kann, den man in Iran als Nationalhelden betrachtet, ist ein entscheidendes Versagen der Qualität der US-Amerikaner als menschliche Wesen.

Dieses Versagen wird Konsequenzen haben. Die US-Amerikaner spotten über die Versuche Irans, den ehemaligen Präsidenten Donald Trump, den ehemaligen Außenminister Mike Pompeo und Dutzende anderer Personen wegen des Mordes an Soleimani vor Gericht zu stellen – insbesondere, wenn diese Untat Gerechtigkeit vor einem islamischen Gericht finden sollte. Diese Heuchelei ist überwältigend, denn das US-amerikanische Volk hatte keinerlei Probleme damit, als im Oktober 2013 US-Spezialkommandos Abu Anas al-Libi festnahmen, ein al-Qaida-Mitglied, das beschuldigt wurde, Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania geplant zu haben. Abu Anas al-Libi bekannte sich für nicht schuldig und sollte am 12. Januar 2015 vor einem amerikanischen Gericht stehen. Stattdessen starb al-Libi in einem US-Krankenhaus, angeblich an Komplikationen im Zusammenhang mit Hepatitis C.

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Iran weiß nur zu gut, dass seine Bemühungen um internationale Unterstützung für die Festnahme von Trump, Pompeo und anderen zum Scheitern verurteilt sind. Der Zweck der iranischen Haltung ist nicht Gerechtigkeit, sondern die Ausschöpfung aller legitimen Mittel, um diejenigen, die man für den Tod von Soleimani verantwortlich macht, vor Gericht zu stellen. Wenn alle völkerrechtlichen Möglichkeiten zur Genugtuung ausgeschöpft sind, könnte man in Iran zu dem Schluss kommen, man besitze nun die moralische Autorität, die Angelegenheit mit seinen eigenen inhärenten Befugnissen und staatsanwaltschaftlichen Instrumenten zu verfolgen.

Es ist nicht auszuschließen, dass Iran sogar Personen im Ausland festnimmt und in Iran vor Gericht stellt, wie die Festnahme und anschließende Hinrichtung von Abdolmalek Rigi im Jahr 2010 nahelegt. Oder sie jagt und ermordet, wie im Falle Dr. Cyrus Elahi, einem Monarchisten, der im Oktober 1990 in Paris erschossen wurde. „Wenn Trump und Pompeo nicht vor einem unabhängigen Gericht wegen der kriminellen Tat der Ermordung von General Soleimani angeklagt werden, dann werden die Muslime die Rache an unserem Märtyrer vollziehen“, bemerkte der iranische Präsident Raisi.

Im Gegensatz zum US-amerikanischen Volk hat die iranische Nation die Ermordung von Qassem Soleimani durch das US-Militär nicht vergessen und wird dies auch nie tun. Sein Tod wird die treibende Kraft hinter einem kommenden iranischen Plan für eine auf Rache basierender Justiz sein. Man kann Zeit, Ort oder Ergebnis dieser Bemühungen nicht vorhersagen, aber eines ist sicher: Wer Gerechtigkeit verweigert, der muss mit Rache rechnen.

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RT DE bemüht sich um ein breites Meinungsspektrum. Gastbeiträge und Meinungsartikel müssen nicht die Sichtweise der Redaktion widerspiegeln.

Übersetzt aus dem Englischen.

Scott Ritter ist ein ehemaliger Offizier für Aufklärung der US-Marineinfanterie und Autor von „SCORPION KING: America’s Suicidal Embrace of Nuclear Weapons from FDR to Trump“. Er diente den USA in der Sowjetunion als Inspektor für die Umsetzung der Auflagen des INF-Vertrags, während des Zweiten Golfkriegs im Stab von General Norman Schwarzkopf und war danach von 1991 bis 1998 als Waffen-Chefinspekteur bei der UNO im Irak tätig. Derzeit schreibt Ritter über Themen, die die internationale Sicherheit, militärische Angelegenheiten, Russland und den Nahen Osten sowie Rüstungskontrolle und Nichtverbreitung betreffen. Man kann ihm auf Twitter unter @RealScottRitter folgen.





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