Der wendige Virologe Christian Drosten klang heute in der Bundespressekonferenz wie ausgewechselt. Was er dort zu sagen hatte, hätten seine Anhänger bis dahin wohl als „Schwurbelei“ diffamiert (siehe auch hier). Und jetzt das: Nach dem Hofvirologen legt jetzt auch einer der fanatischsten Scharfmacher in Sachen Corona eine Kehrtwende hin: kein Geringerer als Markus Söder, seines Zeichens Ministerpräsident des Freistaats Bayern. Dem konnte es bisher gar nicht hart genug zu gehen. Kritiker sahen geradezu sadistische Züge hinter dem schier unersetzlich scheinenden Drang des gelernten Journalisten nach immer noch härteren Maßnahmen. Doch Söder wird auch ein massiver Opportunismus und Machtinstinkt nachgesagt. Insofern ist es besonders bemerkenswert, dass ausgerechnet er jetzt als erster unter den Corona-Hardlinern eine Vollbremsung hinlegt.

Pürner„Söder-Wende: CSU-Chef will auf Corona-Kritiker zugehen – und schon beim nächsten Gipfel lockern“, titelt der Münchner Merkur. Weiter schreibt das Blatt aus der Landeshauptstadt: „Markus Söder will seine Corona-Politik neu gestalten. Sogar auf einen Teil der Kritiker auf den Corona-Demos will der CSU-Chef zugehen, sagt er im Merkur-Interview. An der Impfpflicht hält er aber fest.“

Söder kündigte in dem Interview an, das Gespräch mit Kritikern der Maßnahmen zu suchen. „Bei diesen Demos sammeln sich unterschiedliche Gruppen“, sagte er: „Die rechtsradikale Szene – die unsere Demokratie zu destabilisieren versucht. Dagegen müssen wir vorgehen: Hass und Hetze müssen bekämpft und auch ein Verschwörungskanal wie Telegram blockiert werden. Damit verrät der CSU-Chef eine erschreckende Inkompetenz in Sachen Technik – denn Telegram ist ein Messenger und kein „Verschwörungskanal“. Genau könnte Söder eine bestimmte Handy-Marke als „Mafialeitung“ bezeichnen, weil sie vorwiegend in Süditalien benutzt wird. Offenbar sind für ihn soziale Medien genauso Neuland wie weiland für Merkel das gesamte Internet.

Besonders pikant: Beim vermeintlichen „Verschwörungskanal“ sind auch Internet-Seiten wie der „Volksverpetzer“ aktiv – dem Söder höchstselbst zum „Augsburger Medienpreis“ gratulierte.

Weiter sagte der CSU-Chef: „Wir müssen künftig genauer und verständlicher begründen, was wir tun.“ Dazu gehört auch – man höre und staune – trotz stark steigender Infektionszahlen die Regeln zu lockern. „Bisher schildern uns Experten eine geringere Zahl an Patienten in den Krankenhäusern und mildere Verläufe“, sagte der Christsoziale. Omikron sei nicht Delta: „Das heißt: Wir müssen genau justieren, welche Regeln zwingend nötig, aber auch verhältnismäßig sind.“

Sodann kamen noch Töne, die ganz ungewöhnlich sind für den Scharfmacher: „Denn nicht jeder, der skeptisch ist, ist ein Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker oder Rechtsradikaler.“ Erstaunlich, dass sich dies nach zwei Jahren bis in die Münchner Staatskanzlei herumgesprochen hat. „Mehr hinhören ist der erste Schritt zum Heilen“, so Söder.

Er habe aus den vergangenen zwei Jahren „tiefe Lehren gezogen“ und wolle nun einen „breiten Ansatz“, sagt der CSU-Chef: „Ich habe viel nachgedacht.“

Söder gilt bei seinen Kritikern als gerissener Machtmensch, der jeder Aufrichtigkeit unverdächtig ist. Der Focus-Gründer Helmut Markwort warnte im Interview mit mir vor dem Landesvater und seinen autoritären Zügen (siehe hier).

Insofern gilt hier genau das, was ich heute schon in meinem Dosten-Artikel geschrieben habe: Es sei dahingestellt, was ihn bewegt, von der Lockdown-Lokomotive zum Bremser zu werden. Versucht da jemand gerade noch rechtzeitig von einem sinkenden Schiff abzuspringen, das er selbst auf fatalen Kurs gebracht hat? Spürt der Instinkt-Politiker, dass die Stimmung kippt? Oder ist Söder durch die dramatisch sinkenden Umfragewerte der CSU alarmiert?

Zumindest Ansätze gibt es jedenfalls, dass die Stimmung kippt. Weg von der medial geschürten Massenpanik hin zu kritischem Nachdenken und Hinterfragen.

Wichtiger Hinweis: Berichte wie dieser sind immer auch durch die Sichtweise des Autors subjektiv gefärbt. Ich bitte daher meine Leser wie immer, sich auch aus anderen Quellen mit anderer Herangehensweise zu informieren, um dann in Kenntnis verschiedener Sichtweisen selbst ein Urteil zu fällen.

david

Bild: photocosmos1/Shutterstock
Text: br

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